Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Konnte das alte Judentum Dogmen schaffen?
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 437 (sequence 5)
- Language
- German
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437 getan ,wurde/ weil er von seiner festbegründeten Lehrmeinung nicht lassen wollte, die im Widerspruch zur Mehrheit stand (B. M, 59b). Daß noch die Gaonim als Vorsitzende berühmter Lehrhäuser Autorität besaßen, dafür führe ich ein bekanntes Beispiel an. Gemäß Mi§na und Talmud erfolgt die Qiddusin durch Uebergabe von Geld oder Geldes wert an die Braut unter Aussprechen der Formel: הרי את מקודשת לי. Niemals wird dort eines Ringes Erwähnung getan. Erst von Gaonim ist die Bestimmung getroffen worden, daß als Geldeswert nur der Ring bei der Trauung zur Anwendung gelange (Sa'are sedeq Bl. 19b). Welcher deutsche liberale Rabbiner würde es wagen, die vom Talmud festgelegte Trauungsformel und den von den Gaonim angeordneten Ring abzuschaffen? Gaonim haben die Karäer, weil sie den Talmud nicht anerkannten, vom Judentum ausgestoßen. Daraus folgt, daß nicht nur das Synhedrion, sondern auch die es ersetzenden Lehrhäuser bis zum Ende der gaonäischen Zeit wohl Dogmen schaffen konnten. Dem alten Judentum lag es aber — wie Leo Baeck annimmt — fern, überhaupt Dogmen zu schaffen, was er an einem Satz, den die Gemärä ‘Erubin 13 b überliefert, darzulegen sucht. ,,Er bietet in der Tat einen, von einer spruchbefugten Autorität durch besonderen Beschluß festgelegten Glaubensartikel; auf ihn hätten sich die An- Länger der Dogmenlehre vor allem berufen sollen, und es ist befremdlich, daß sie ihn immer mit Stillschweigen übergehen. Es ist der Satz, der den Pessimismus zur Glaubenslehre machen will: Man hat abgestimmt und beschlossen: Besser wäre, kein Mensch wäre geschaffen worden. Er erfüllt eine wesentliche Voraussetzung des Dogmas, aber gerade er zeigt freilich, daß im Judentum auch die Mehrheit der Religionshäupter, die eine Autorität bilden, noch kein Dogma schafft“. Allein diese Baecksche Auslegung ist sehr anfechtbar. Gehen wir auf diese Gemärä-Stelle ausführlicher ein, sie lautet : ,,Zwei und einhalb Jahre stritten die Lehrhäuser Schammais und Hillels über eine Frage. Die einen behaupteten, besser wäre es für die Menschen, er wäre gar nicht geschaffen worden, als daß er nun geschaffen ist; die anderen hingegen sagten, es wäre für den Menschen besser, daß er erschaffen sei, als daß er nicht erschaffen worden wäre. Sie haben abgestimmt und lehrten einmütig (נמנו וגמרו), besser wäre es für den Menschen, er wäre gar nicht erschaffen worden, als daß er nun erschaffen ist, da er nun einmal erschaffen worden ist, gebe er sorgfältigAcht auf seine Handlungen (ועכשיו שנברא יפשפש במעשיו)“. Zunächst muß hervorgehoben werden, daß mit den Worten נמנו וגמרו im Talmud niemals eine feste verbindliche Lehre eingeleitet, sondern nur eine allgemeine Richtlinie gegeben wird. Dieses wird klar aus Sanh. 74 a, wo es heißt: ״Die Rabbinen haben abgestimmt und sie lehrten: Mit Ausnahme von Götzendienst, Mord und einer sexuellen Sünde dürfen alle Verbote der Tora, wenn man unter Androhung des Todes sie zu übertreten gezwungen wird, außer Acht gelassen werden.“ Aus der daran sich anschließenden Diskussion geht deutlich hervor, daß es eigentlich richtiger wäre, unter dem