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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 6 · p. Seite 436

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 6
Article
Konnte das alte Judentum Dogmen schaffen?
Date
1926-01-01
Page
Seite 436 (sequence 4)
Language
German
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436 ed. Hildesheimer S. 471) — alles dieses beweist, daß die Ent- Scheidungen des Synhedrions prinzipiell als unumstößlich, als unabrogierbar gelten. Das Synhedrion und die später es ersetzenden Lehrhäuser wachten strenge darüber, daß die Religionsgesetze von den einzelnen nicht öffentlich übertreten wurden und zogen denjenigen zur Verantwortung, der dagegen handelte. Somit war dem alten Judentum der kirchliche Charakter eigen, der sich aber von dem des Christentums nur dadurch unterschied, daß die Rabbinen keine Köhänim zu sein brauchten. Nur weil das alte Judentum den kirchlichen Charakter an sich trug, bestrafte das בית דין z. B, jeden, der טריפות oder am פפח Chomez aß, mit Geißelhieben (Makköt 13 a), ebenso denjenigen, der aus Trauer um einen Toten sich den Kopf kahl schor (Makk. 20a). R. Achai Ben Jogi ja hat sämtliche jüdische Einwohner der Stadt Birta in den Bann getan, weil sie die Sabbatgesetze nicht beachteten. Und da dieser Bann nicht aufgehoben wurde, sind diese Einwohner für immer dem Judentum verloren gegangen. (Qiddusin 72 a). Schon diese wenigen Beispiele beweisen, mit welcher Strenge die autoritativen Lehrhäuser über die gewissenhafte Befolgung des Religionsgesetzes wachten. Die zuerst mündlich überlieferten Lehrsätze der von Rabbi Jehudä geordneten Misnä — nicht aber die zugleich in .der Mignä enthaltenen Ansichten einzelner Tanaiten — galten als תורה שבעל פה (äabb. 31, Joseph. Arch. 13, 10, 6), die sowohl von den palästinischen als auch von den babylonischen Lehrhäusern als heiliger, kanonischer Offenbarungsinhalt angesehen wurde, so daß der Grundsatz galt הלבה כסתם משנה (Jeb. 42b, §abb. 39b). Nur solange das Lehrhaus in bestimmten Fällen eine הלבה nicht festgelegt hatte, waren Meinungsverschiedenheiten darüber zulässig. Wohl durfte ein Tana die Ansicht des andern bekämpfen, ebenso ein Amoräer die eines Amoräers, aber nicht durften von den Amoräern die Lehren der Tanaiten umgeworfen werden. Außerdem sind von den Lehrhäusern der nachtanaitischen Zeit für viele Fälle, wo keine einheitliche Ent- Scheidung vorlag, eine Anzahl fester Grundsätze aufgestellt worden, so z. b. Bekör. 49 b: היכא דפליגי רב ושמואל הלכתא כרב באיסורי וכשמואל בדינין; ferner Emb. 52a: ר׳ מאיר ורבי יהודה הלכה כרב• יהודה רב ורבי יוחנן הלכה כרבי יוחנן, שמואל ורבי יוחנן הלכה כרבי יוחנן. Diese Grundsätze sind bis vor etwa 100 Jahren von allen Rabbinern der Welt gewissenhaft beachtet worden. Der Rabbi, der in talmudischer Zeit gegen solche Lehrsätze der Lehrhäuser handelte, erhielt entweder Geißelhiebe oder wurde in den Bann getan1. Charakteristisch hierfür ist R. Eliezar Ben-Hyrkanos, der deshalb in den Bann 1 Nur für Fragen, über die keine Mehrheitsentscheidung im Talmud vorliegt, hat Baecks Auffassung Geltung, daß die jüdische Religion ,,die Forderung des Forschens in sich schließt“. Daher ertrug man nebeneinander den Rambam und den Rabed. Aber unhaltbar ist Baecks Ansicht: ״Dieses Gebot des Forschens ist der Widerspruch gegen das Dogma. Dem tradierten Dogma gegenüber würde das Forschen im jüdischen Sinne zur Sünde gegen die Kirche“.

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