Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 427 (sequence 2)
- Language
- German
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427 Weg moderner Wissenschaft allein wäre kein Grund zur Ablehnung von Breuers Gedanken gang. Aber Breuer will sich doch mit der Forschung auseinandersetzen, und da ist immerhin auffällig, daß er nur in Terminologie und im Dialektischen sich ihr nähert. Seine durchaus deduktiv gerichtete Philosophie könnte von Bedeutung sein, wenn sie systematisch die große jüdische Traditionslehre und das Gesetz zu meistern suchte oder der Ausdruck der spezifisch jüdischen Religiosität — mit der Note starken eigenen Erlebens — wäre. Statt dessen wird die Begegnung mit der Wissenschaft gesucht, aber sie wird in keinem Fall zu einer großen Auseinandersetzung. Der Gefahr aller deduktiven Systeme, mit der empirischen Wirklichkeit — insbesondere der naturgesetzlichen — nichts anfangen zu können, erliegt auch Breuer; hierzu kommt aber die Arroganz des Dogmatikers, der beweislos alles besser weiß. Hier kämpft nicht ein naiver Anhänger der Tradition und ihrer Denkformen gegen die der Wissenschaft sondern ein in der Schule der modernen Forschung Aufgewachsener gegen diese, ohne ihre Exaktheit zu wahren und ohne religiöses Genie zu sein. Weder die Tragik echter Konflikte zwischen den An- Sprüchen der religiösen Dogmatik und wissenschaftlicher Theorie noch die Erkenntnis, daß manche Probleme nur einem beider Bereiche zu Recht gehören,, ist hei Breuer wahrnehmbar. Aber das würde noch angeheu, wenn nicht gelegentlich die wahre Meinung des Verfassers fast zynisch zum Durchbruch käme. Man muß zu diesem Zwecke Kapitel VII lesen, ein Zwiegespräch zwischen einem Naturforscher und Breuer, das man hier wörtlich hersetzen müßte, um darzutun, was heute ein Führer der Orthodoxie seiner Gefolgschaft vorsetzen darf. Dem Naturforscher, der das Alter der Erde auf mehrere Millionen Jahre ansetzt, weil die Kohle nur in solchem Zeitraum naturgesetzlich entstanden sein kann, antwortet Br.: Dann ist Ihr Satz falsch, weil das Naturgesetz erst 5686 Jahre weniger 6 Tage a 11 i s t!1 (Der diesen Worten vorangehende Dialog ist stilistisch geschmacklos). Es ist interessant, daß Breuer nur das Problem der Kohle hier berührt. Hätte er auch anthropologische Fragen (oder phylogenetische und paläontologische) erwähnt, so wäre die Argumentation noch schwieriger geworden. Wer es ernst mit überlieferten Anschauungen und Text meint, der sollte ernster über das Alter der Erde sprechen — oder schweigen, insbesondere, wenn er innerlich naturwissenschaftlichen Problemen so fremd bezw. verachtend gegenüber steht wie Breuer. Wie will man im Ernst mit den fossilen Funden und mit den Kulturepochen der primitiven Menschheit fertig werden, wenn man die ganze historische und prähistorische Phase so einengt? Das bedeutet noch keine Ablehnung des bei Breuer erwähnten Unterschiedes zwischen der Gesetzmäßigkeit der Schöpfungsperiode und der jetzt geltenden (übrigens ist dieser Gedankengang nicht neu. Breuer nimmt auf andere Autoren nie Bezug). — Breuer schreibt an anderer Stelle: Wer ,,Beweise“ verlangt für die Welt als Schöpfung, zeigt lediglich, daß in ihm das seiende Ich bereits stärker geworden als das sollende Ich. Das heißt doch, sich die Arbeit zu leicht machen. Ich möchte noch zum Ausdruck bringen, daß ich es für vergeblich halte, eine Religionsbezw. jüdische Geschichtsphilosophie so sehr auf die Vätergeschichte der Genesis bezw. die Geschichte der ersten Menschengenerationen zu gründen. Man entfernt sich damit allzusehr von den uns empirisch zugänglichen Epochen (ich bin auf Breuers Ein wand gefaßt, daß ich damit den Noachiden zugehöre) und kann mit dem größten Teil der Historie geschichtsphilosophisch wenig anfangen. Ueberhaupt glaube ich, daß man nicht auf den induktiven Weg verzichten kann. Auch zur Schöpfung im Breuerschen Sinn müßte man den Weg von der Natur her finden können, wenn auch nicht eindeutig und mit völliger Treffsicherheit. Zu beanstanden ist auch manches Terminologische. Daß die Seele dem Seinsreich absolut entgegensteht, widerspricht allem Brauch. Die Gesetze der Psyche sind zunächst doch auch Gesetze des seelischen Werdens und Seins (von der Frage: Substantialität oder Aktualität kann man hier völlig absehen). Breuer wird aber vermutlich die eigentliche Psychologie der Naturlehre zurechnen; ich halte das für unzweckmäßig. — Die Einseitigkeit des Autors kommt in seiner Beurteilung der nicht jüdischen Kultursysteme und Staaten 1 Von mir gesperrt.