Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Neuere Literatur zur jüdischen Sagenkunde
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 400 (sequence 16)
- Language
- German
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400 voll erfolgreicher Arbeit der Ethnologie gewidmet und den Spüren alter Ueberlieferung im späteren griechischen Schrifttum nachgegangen ist, — hat er nun, ausgerüstet mit den Erfahrungen und den Ergebnissen der vergleichenden Volkskunde,, drei gewaltige Bände dem Folk-lore in der Heiligen Schrift geweiht. Er zählt sich zur Schule von Cambridge und verehrt sein Vorbild in seinem einstigen Lehrer und Freund Robertson Smith. Er befragt nicht nur die englischen Bibelforscher (Bennett, Cheyne, Driver, Ryle, Skinner. Wright), sondern auch die deutschen (Cornill, Dillmann, Gunkel, Kautzsch, Kittel, Rothstein). Wo seine eigene wissenschaftliche Erfahrung nicht langt, weiß er sich berufene Mithilfe zu schaffen, so z. B. fürs Syrische Prof. Burkitt. Seine Kenntnis von der nachbiblischen jüdischen Sage schöpft er aus Louis Ginzbergs Legends of the Jews (Frazer I, 143, 146, 364, II, 393, 394). Ueber die Be- Ziehung der Aggada zur Bibel ist F. nicht im Klaren, er wagt es nicht zu entscheiden, ob die Sage, über die Art, wie Rüben die Dudaim findet, bereits dem biblischen Erzähler bekannt war (Frazer II, 393, 394). Schon durch Herder hätte er belehrt werden können, daß der Aggada das Bibelwort oft eigentlich nur zum Vorwand für eigene Dichtung dient. Für die Massora sind Robertson und Renan F.s Gewährsmänner. Für spätere jüdische Gebräuche — es handelt sich um das Verbot des Genusses von Fleisch und Milch— wendet er sich an Bodenschatz und Buxtorf (III, 153, 154). Die Heilige Schrift kennt Frazer im Urtext. Wiederholt geht er auf Sprachliches ein. Aus der Wurzeleinheit von אדמה ,אד‘□! ,אדם schließt er auf die Vorstellung, der erste Mensch sei aus roter Erde geschaffen (I, 29). Mit dem Archäologen Ed. Sueß (ebenfalls einem hohen Gast im Hause der Bibelwissenschaft) ist F. geneigt מבול מים statt מבול מים (Gen 617,.76) zu lesen (I, 358). Jech 13!^ unterzieht er einer genauen textkritischen Untersuchung (II, 511, Anm. 1). Auf Ausdrücke wie מקדם (Gen 112) נדדה תבלה (Gen 117) werden Schlüsse gebaut (I, 362, 363). — אונים כרית לי (Balon 407) wird etymologisch gedeutet: Ohren bohrtest du mir, durch das gebohrte Ohr erklärt sich der Sklave seinem Herrn ewig untertänig. -—Eine großangelegte ethnologische Untersuchung über das Schweigen der Witwe ist auf die Etymologie des Wortes אלמנה gegründet, indem ein Zusammenhang mit אלם stumm angenommen wird (III, 72). Frazers vergleichende Untersuchungen sind auf ehrliche, demütige Philologie aufgebaut. Doch dabei hält er es für wünschenswert, daß der Folk-loreforscher vom Dichter lerne, der durch Intuition erschaut, was wir durch mühevolles Sammeln der Tatsachen zu erlernen haben. Ohne einen Anflug von dichterischer Anschauung sei es keinem möglich, ins Herz des Volkes einzudringen; ein kalter Klügler werde vergeblich an dem rosenumrankten Tor des Feenlandes pochen (II, 516). In Frazer wohnt auch eine Dichterseele. Zum Dichter wird er, wenn er den Maientag schildert, an welchem Rüben die Dudaim findet (II, 372), das Tal Jabboks (II, 410), den schmerzlichen Vorabend der Schlacht bei Gilboa, in Endor (II, 516), oder, was wesentlicher, wenn er die Wirkung der Auflösung der Ehen mit volksfremden Weibern zur Zeit Esras beleuchtet (I, 95), oder,