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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 5 · p. Seite 396

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 5
Article
Neuere Literatur zur jüdischen Sagenkunde
Date
1926-01-01
Page
Seite 396 (sequence 12)
Language
German
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396 satz auch in den übrigen 8 Aufsätzen zur Geltung; nicht ohne Gewaltsamkeit. Betrachten wir sie im Einzelnen. I. Le feu qui descend du ciel et le renouvellement du feu sacre. (1—58). Es soll hier nachgewiesen werden, daß im Orient und auch in Israel ein Ritus gepflegt worden sei, bei dem man im Frühling zur Zeit, wo die Kraft der Sonne und der Erde sich erneuert, ein Feuer entzündete, um die Fruchtbarkeit zu erhöhen. Dieser Ritus habe sich, meint Saintyves, in Israel an das Pessachfest geheftet und sei derart in der Entzündung der Flamme am Charsamstag in Jerusalem (auch in Florenz, sowie in Armenien) bewahrt worden. II. La verge fleurie d? Aaron et le theme du bäton sec qui reverdit. Ein ganz besonders glänzender Aufsatz über den aufblühenden Stab Arons und Verwandtes. Der durch ein Wunder aufblühende Stab bezeugt: 1. die Unschuld eines Angeklagten, 2. die göttliche Vergebung für einen Reuigen (Tannhäuser), 3. die Wahl eines geistlichen oder königlichen Oberhauptes. Ein jeder dieser drei Abschnitte großartig ausgeführt, an der Hand äufschlußreichster Beispiele. Nun aber wird einem zugemutet zu glauben, daß hinter den besprochenen, überaus dichterischen Schöpfungen wieder ein befruchtender Ritus steckt, daß Arons Stab in jener Zeit aufblüht, die Dornen der Dornenkröne in jener Zeit gewachsen sind, ,,wo sich die kosmische Kraft verjüngt.“ Fürwahr, unser Verfasser macht sich die Sache nicht leicht. Da wird erzählt, Joseph sei zum Manne der Maria durch den aufblühenden Stab und durch die herabsteigende Taube bestimmt. Saintyves (S. 93) meint, ,,le bäton de saint Joseph 6tait une sorte de bäton pastoral ou de sceptre anciennement employe en Syrie et surmonte d’une colombe“. Nun aber scheint die Sache viel einfacher zu liegen. Die Legende verbindet zwei Motive: das Motiv vom grünenden Stabe und das Motiv vom Märchenvogel, der sich auf den Kopf des zu Erwählenden setzt1 2. III. L’eau qui jaillit du rocher sous le bäton ou la fleche. Jesus et la source d’eau vive. Auch in dem Hervorsprudeln der Wässer aus dem Felsen erblickt S. einen Ritus, eine liturgische Handlung. Er bringt den Wunderbericht mit der Wasserweihe am Sukköt, der bekannten שמחת בית השואבה in Beziehung. Dieser Ritus ist längst als Akt der sympathetischen Magie erkannt, der den Regenguß herbeilocken soll. Doch damit ist unserm Verfasser nicht gedient. Das Sukköthfest sollte, meint S., nicht bloß an das Leben unter Hütten in der Wüste erinnern, es sollte irgendwie auch das Wunder erneuern, mit dem Gott zu jener Zeit sein Volk auszeichnet. ,,Wassersprengen, Wassergüsse begleiten den Ritus, der darin bestand, daß man den Felsen, d. h. den Altar (I) mit einem grünen Zweige (dem Lulab) schlug. Das Wunder Mosis soll also auch als Erklärung eines Ritus gelten und das Fest der Hütten sei mit den Festen des Dionysos in Beziehung zu setzen, habe ja bereits Plutarchos diese Annäherung vollzogen, wo doch Plutarch dem Gotte Jehovah3 und Bacchus näher stand als wir“. (S. 155.) Plutarch wird hier ein Ansehen zugemutet, das wir ihm aberkennen müssen: erstand dem Gotte Israels keineswegs näher als wir. Uebrigens hat Plutarchos, wenn er Beziehungen der seinerzeitigen Sukköthfeier zu dem Dionysosfeste sucht, eher recht als Saintyves, wenn er im Wasser aus dem Felsen das Vorbild des Wasserweihe festes findet. Den IV. Aufsatz ,,Le tour de la ville et la chute de Jericho“ (180—204) haben wir bereits oben (S. 395) gewürdigt., V. Les origines liturgiques du miracle de Veau changee en vin (206—229). Das Wunder vom Wasser, das in Wein verwandelt wird, nach Saintyves ,,ein Gemeinplatz der christlichen Hagiographie“, hat mit der jüdischen Sagenkunde wenig zu tun. Die Sage, daß Dionysos den Fluß, aus dem die Inder trinken, zu Wein verwandelt, läßt sich mit der Legende vergleichen, in welcher Salomo den Asmodaeus derart in seine Gewalt bringt, daß er seine Quelle mit Wein füllt3. 1 Siehe oben Seite 394. 2 Es ist unbegreiflich, wenn ein religio ns geschichtlich so tief gebildeter Mann wie Saintyves an dieser Unform festhält. 3 Siehe Gaster, Exempla of the Rabbis, Nr. 114; Bolte-Polivka, Anmerkungen zu den KHM II, 419; M. Grünbaum, Neue Beiträge zur semitischen Sagenkunde, S. 228.

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