Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Neuere Literatur zur jüdischen Sagenkunde
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 393 (sequence 9)
- Language
- German
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393 Edelgestein, (Jes 54n, 12). Gunkel (S. 62, 63) erblickt in dieser Verheißung Züge einer Märchenstadt. Die Verkündigung Zecharjahs (29), daß das zukünftige Jerusalem einer Festungsmauer nicht bedürfe, da Gott es als Feuerwall umgeben werde, — erinnert Gunkel (64) an die Waberlohe Brunhildens. Dem Propheten Amos (51820־) erscheint der Tag Gottes wie wenn Jemand vor dem Löwen fliehend auf einen Bären stößt und zuhause von der Schlange gebissen wird; Gunkel verweist auf die Häufung der Gefahren im Märchen und auf Rückerts Gedicht: ,,Es ging ein Mann im Syrerland1. Wahrscheinlich, daß zuweilen, wo Gunkels scharfsichtiges Auge Märchen erspäht, die Bibel nur dichterisch veranschaulicht, z. B. wenn der Stein schreit2, wenn in Nebukadnezars Vision der losgelöste Stein das gewaltige Bildwerk zerschlägt und zu einem Berge wird, der die Erde füllt (II Dan 34 ff.), mehrfach auch, wo vom Lebensbäum, vom Lebensquell die Rede ist. Da ferner dem Märchen das Wunderbare geläufig erscheint, ist Gunkel geneigt, alles Wunderbare auf Märchen zurückzuführen, z. B. (S. 33) den Löwen, welcher den Prophet von Bethel straft, oder den, welcher Daniel schont. Gunkel geht oft zu weit als daß wir ihm folgen könnten. Im Gleichnis vom Töpfer und seinem Gebilde (Jirm 18, Jes 459), welches Gleichnis in der jüdischen Liturgie so mächtig nachklingt, erblickt er Spuren eines Märchens. In der Paradieserzählung sieht er die Umbiegung einer Sage, nach welcher die Schlange Wahres, die Gottheit Unwahres behauptet (S. 155). Tamars Fall, meint er, wäre ursprünglich eine Dämonengeschichte gewesen, in der ein irdisches Weib von einem Dämon geliebt wird (S. 75, 169) und erinnere auch an den Mythos von Isis, die den toten Osiris belebt und Horus empfängt (S. 128). — Aus der Erzählung von Naamans Aussatz liest Gunkel (S. 142) die Bekämpfung des Volksglaubens heraus, als ob Könige heilten. Der herrliche 139. Psalm von der Allgegenwart Gottes erinnert Gunkel (52, 106, 168) an die magische Flucht. Auch dazu, daß die Engel Lot vor Tagesanbruch retten wollen, bedarf es nicht der Erklärung, die Engel seien lichtscheue Nachtdämonen gewesen. (S. 70) Doch ist bei all dem und ähnlichem in Anschlag zu bringen, daß Gunkel eine möglichst vollständige Durchforschung des Märchenhaften in der Heiligen Schrift anstrebt. Gunkels Buch bietet mehr als es verheißt. Es verheißt Belehrung bloß über das ,,Märchen im A. T/f In Wirklichkeit werden auch die Apokryphen und das Neue Testament hineinbezogen. Von Tobit und Susanna war schon die Rede. Auch verschiedene andere Märchenmotive in den Apokryphen werden nachgewiesen, so ein Wettstreitmärchen im IV. Ezra (13—19), wo Meer und Land um die Herrschaft streiten (S. 28). Auch auf das Neue Testament fällt so mancher Lichtstrahl. Aus den Parabeln der Evangelien läßt sich ja manches Märchen- 1 Es scheint Gunkel entgangen zu sein, daß es sich dabei um eine Legende aus Barlam und Josaphat handelt. 2 Auffälligerweise wird Hab 2n nicht angeführt.