Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Neuere Literatur zur jüdischen Sagenkunde
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 390 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2829132-2829935-2829941-2833492--47135-2833612- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
390 keineswegs die Verheißung von der Leyens erfülle1 und wie es zu bedauern sei, daß Dähnhardt die sagengeschichtliche Forschung Gunkels nicht berücksichtigt2, Gunkel war durch seinen Genesiskommentar und durch sein Werk über ,,Schöpfung und Chaos“ für die Aufgabe vorbereitet. In der Frankfurter Zeitung (1. XII. 1916) gab er eine gehaltvolle Voranzeige (,,Märchen im alten Israel“). Sein Buch über das Märchen im Alten Testament bringt endlich das Werk eines Forschers, der die Bibelwissenschaft überblickt und in die Wissenschaft vom Märchen tiefe Einblicke getan. Seine Vorgänger sieht Gunkel in Karl Marti (Dodekapropheton), Hans Schmidt (Jona), Margarethe Plath (Tobiaslegende), Walter Baumgarten (Jephta) und vorzüglich in seinem Freunde Hugo Greßmann, dem er das Buch weiht. Auf Schritt und Tritt gewahren wir den berufenen Bibelerklärer, welcher mit der Gewissenhaftigkeit des Sprachgelehrten vorerst immer den zu deutenden Text säubert, bessert, herstellt. Philologie und Folklore wirken gleicherweise zusammen, um die exegetischen Schwierigkeiten zu lösen. Ganze Abschnitte der Heiligen Schrift werden neu untersucht: Die Penuelgeschichte (Gen 322333־), die schauerliche Erzählung vom Blutbräutigam (Ex 102426־, Gunkei S. 71 bis 73), Jechezkeels Bild vom ausgesetzten Kinde (Jech 16, Gunkel S. 113—115), das Leichenlied über die gestürzte Edeltanne (Jech 21, Gunkel S. 21—25), die Beschreibung, des Behemoth und Leviathan (Gunkel S. 37, 38). Genaue sprachliche Beobachtungen führen zu sagengeschichtlichen Schlüssen: תבל ,שאול ,תהום kommen stets ohne Artikel vor, der Sprachgebrauch muß sie als Eigennamen, als Personifikationen empfunden haben. Aehnlich wie Greßmann erkennt auch Gunkel als seinen Meister in der Wissenschaft vom Märchen W. Wundt an, daneben benützt er am fleißigsten noch die Arbeiten von Ant. Aarne in den Folklore Fellows Communications, ferner von Thimme, von v. d. Leyen. Den Stoff zu Vergleichungen schöpft er aus Bolte-Polivkas Anmerkungenzu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Es ist zu bedauern, daß er nicht auch C h au vins großartige Bibliographie des ouvrages arabes befragt hat. Dann hätte sich z. B. der Abschnitt vom Zauberflug (Gunkel 61, 62) reicher gestaltet (Chauvin V, 222—232). Der hohe und strenge Geist der Heiligen Schrift — lehrt uns Gunkel — konnte das Märchen nicht ertragen, doch vermochte er nicht zu verhindern, daß das Volk, welches er erziehen wollte, das Märchen nicht auch weiter pflege; so hat auch das Griechentum von der Höhe seiner Bildung das Märchen verachtet, doch in seinen unteren Schichten gewahrt und gemehrt. Wie nahe die biblische Erzählung zuweilen ans Märchenhafte streift, veranschaulicht Gunkel daran, daß biblische Stoffe in die Volkserzählung eingedrungen sind. Als Beispiel führt er die Josephs- 1 R. E. J., 1910, LIX, BIS. 2 R, E. J., 1910, LIX, 314, Anm. 1.