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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 5 · p. Seite 389

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 5
Article
Neuere Literatur zur jüdischen Sagenkunde
Date
1926-01-01
Page
Seite 389 (sequence 5)
Language
German
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389 enthalten, daß die verlogene Frau als Beweis der versuchten Verführung ihr Kleid vorweist, das sie selbst arglistig zerrissen hat". Horovitz hat vollkommen recht, daß Potiphars Weib nicht ihr Kleid, sondern Josephs Oberkleid aufweist. Dadurch hat Horovitz auch bewiesen, daß die Erzählung im Schah-Name vom trefflichen Syawusch und der ränkevollen Sudabe, sowie die indische Erzählung vom edlen Sundaraka mit Kalaratri, der gräßlichen Frau seines Lehrers,— daß aiese Erzählungen, in denen die Verleumderin ihr zerrissenes Kleid vorweist, der biblischen Geschichte nicht näher stehen als andere verwandte Stoffe. Damit ist aber nur die Voraussetzung einer literarischen Vorlage und Uebernahme widerlegt, keineswegs aber die durchaus wahrscheinliche Voraussetzung einer Wandererzählung. Neuerdings setzt sich auch Procksch (Die Genesis, Leipzig 1924 2, im Vorwort) folgendermaßen mit Gunkel auseinander: ,,Sein Mangel besteht in der Verkennung der Sage als Fundgrube des geschichtlichen Lebens; in neueren Arbeiten tritt bei ihm die verhängnisvolle Verwechslung von Sage und Märchen noch spürbarer hervor." Uns erscheint die Härte dieses Urteils ungerechtfertigt. Auch die neue Auflage vom Bande über ,,Die Urgeschichte und die Patriarchen" (I, 1, 1921) zeugt von Gunkels tiefem Verständnis für Leben, Entwicklung und Bedeutung der Sage. Im Folgenden wollen wir drei Werke zur biblischen Sagenkunde ausführlicher besprechen, drei Werke, die drei Richtungen vertreten: die eigentlich sagenwissenschaftliche (Gunkel), die ritengeschichtliche (Saintyves), die ethnologische (Frazer). 1. Hermann Gunkel, Das Märchen im Alten Testament (Religionsgeschichtliche Volksbücher, II. Reihe, 23.-26. Heft). Tübingen (Mohr) 1917. Goethes Wort von den Gästen der Wissenschaft, denen diese Dank schuldet, ist ja auch eben im Zusammenhang mit der Bibel- Wissenschaft ausgesprochen worden. Einen solchen Gast fand die biblische Sagenkunde in Friedrich von der Leven, der früh und ausdauernd seine Aufmerksamkeit dem Märchenhaften in der Heiligen Schrift zuwandte1. Ihn eiferte die Hoffnung an, daß durch die vergleichende Sagen- und Märchenforschung unerwartetes Licht auf die Bibel geworfen werden müsse, da sie in Zeiten und zu Schichten zurückführt, in welche Sprach- und Geschichtswissenschaft nicht einzudringen vermag2. Gewiß, ein hohes Ziel, doch der zünftigen Märchenforschung allein unerreichbar. Als daher Oskar D ä h n ״ h a r d t seine große ,,Sammlung natu!'deutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden" mit den ,,Sagen zum Alten Testament" einleitete, mußte ich, bei voller Würdigung der gewaltigen Leistung des seither hingerafften, hochverdienten Verfassers, dennoch erklären, daß Dähnhardts Werk noch 1 Zur Entstehung des Märchens in (Herrigs) Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, 1904, CXIII, 249—259; 1905, GXIV, 1—24; 1905, GXV, 1—21, 273—289; 1906, GXVI, 1—24, 282. — Siehe auch F. v. d. Leyen, Das Märchen (Wissenschaft und Bildung, 1925 3, 101—104). 2 Herrigs Archiv, GXV, 1905, S. 16.

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