Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Eine alte jüdische Predigt
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 368 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829935-2829941-2833489--47108-2833590- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
368 du Vertrauen auf mich gehabt und wärest hinaufgestiegen, nie hätte es für dich einen Abstieg gegeben, nun, da du solch Vertrauen nicht hattest, werden deine Kinder in dieser Welt den 4 Weltreichen untertan sein, werden ihnen Kopfsteuern und allerhand drückende Abgaben zahlen müssen. Sprach Jakob: wird das in alle Ewigkeit andauern? Da antwortete ihm Gott: ,,Fürchte dich nicht, mein Knecht Jakob, und zage nicht, Israel, denn siehe, ich bringe dir Hilfe, und seiest du auch noch so weit hinweg verschlagen“, weit — damit ist Babel1 gemeint, ,,und deine Nachkommen führe ich heim aus dem Lande ihrer Gefangenschaft“, damit sind Gallien und Spanien und die anderen Länder gemeint, ,,und Jakob wird heimkehren“, das heißt: aus Babel ,,und wird in Ruhe wohnen“ das bedeutet: in Ruhe vor Mediens Bedrückung, ,,und in Sicherheit“, d. h. vor Griechenlands Herrschaft, ,,und niemand wird ihn aufschrecken“, damit ist Rom gemeint, ,,denn ich mache ein Ende mit allen Völkern, unter die ich verstreue“, d. h. mit den Völkern, die ihre Felder bis zu Ende abernten (und nichts für die Armen stehen lassen), mache ich ein Ende, ״mit dir aber mache ich nie ein Ende“, das will sagen: für Israel, das getreu dem Gebote die Ecke des Feldes für die Armen stehen läßt, gilt das Wort: ״mit dir mache ich nie ein Ende“; dabei werde ich dich züchtigen nach Gerechtigkeit und dich nicht ganz ungestraft lassen“, das will besagen: ich züchtige dich mit Züchtigungen in dieser Welt, um dich für die zukünftige Welt freizumachen von deiner Sünde. So der Midrasch in seiner eigenartigen Sprache; er stellt in dieser Form eine in sich geschlossene Predigt dar. Die Frage wäre zunächst zu stellen: ist es eine zu dem Text des Jakobstraumes ursprünglich gehaltene, oder ist sie ursprünglich zu dem Jeremia-Text ״du aber fürchte dich nicht usw.“ gehaltene? Das wird mit Sicherheit nicht mehr zu sagen sein, die größere Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß sie eine ursprünglich auf Jeremia 30lo aufgebaute Predigt ist; das ergibt sich aus der Art der Einführung in Wajikra rabba und in der Pesikta, dort beginnt sie mit dem charakteristischen ר, נחמן פתח, stellt sich so als geschlossene Predigt dar2, und dort heißt es: R. Nachman predigte: es heißt: ״du aber fürchte dich nicht, Jakob“, das bezieht sich auf unseren Erzvater Jakob, denn es heißt: ״er träumte und siehe eine Leiter.“. Außerdem spielt die Auslegung des Jeremiatextes so sehr die Hauptrolle, ist so bis aufs letzte Wort durchgeführt und so eigenartig, daß man wohl annehmen darf, die Predigt ist ursprünglich zu dem Jeremiatext gehalten. Man dürfte ferner zu der Annahme berechtigt sein, daß die unter dem Namen R. Meirs gehende Erklärung von dem Auf- und Abstieg sämtlicher Schutzgeister das ursprüngliche Kernstück ist, und daß die unter dem Namen R. Samuel ben Nachmans gehende Ausdeutung, die in dem unübersehbaren Aufstieg Roms gipfelt, später hinein- 1 Diese Ausdeutung fehlt im Tanchuma und wäre dort zu ergänzen. In Wajiljra rabba ist die Gleichsetzung des Wortes weit hinweg mit Babel noch begründet durch den Bibelvers: ״aus weit entferntem Lande, aus Babel, kamen sie zu mir“ (Jesaia 39s). 2 Zur Bedeutung des פתח als predigen s. Bäck in dieser Zeitschrift, Jahrgang 1925, S. 260.