Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Ethik Spinozas in ihrem Verhältnis zum Judentum
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 365 (sequence 11)
- Language
- German
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365 Naturform zu erkennen, vermag aber Gott als den Heiligen nicht anzuerkennen, denn die Erhabenheit Gottes ist mit seiner Herablassung zum Menschen nicht zu vereinen. So versagt sich in Sp. die Erkenntnis dem vollen jüdischen Gottesbegriff, denn sie sieht in ihm Vermenschlichung des erhabenen Gottes. Aber ist Sp.s intuitive Erkenntnis Gottes wirklich Erkenntnis? Ist das Hinausgehen über die Begriffsform der mathematischen Natur zur Ewigkeit der göttlichen Schaffenskraft, die Erkenntnis der Naturgesetze als Wirkensform Gottes, Erkenntnis oder Religion? Und selbst wenn es Erkenntnis wäre, hat nicht Nietzsche Recht, wenn er in dem Glauben an die Wahrheit der Erkenntnis einen metaphysischen Glauben sieht, der religiösen Ursprungs ist, den Glauben, daß Gott die Wahrheit, daß die Wahrheit göttlich ist? So gilt die Antithese der Fröhlichen Wissenschaft Nietzsches: Entweder schafft eure Verehrungen ab, oder schafft euch selbst ab! (Nietzsche Fröhl. Wiss. S. 273). Es gibt keine Überwindung des Chaos der Wirklichkeit ohne den Glauben an die im menschlichen Geist sich offenbarende Ordnung der Erkenntnis. Dem menschliehen Geist aber enthüllt sich nicht allein die Ordnung der Natur, sondern auch die sittliche Ordnung der Menschenwelt. Und wie die sittliche Ordnung, wird die Erkenntnis der Natur zum Anthropomorphismus, wenn nicht Gott die Wahrheit ist, die Wahrheit göttlich ist. (Vgl. A. Lewkowitz: Religiöse Denker der Gegenwart S. 12). Nur dann aber würde die Wahrheit der Naturerkenntnis und der sittlichen Erkenntnis miteinander unvereinbar sein, wenn die sittliche Erkenntnis zugleich Naturerkenntnis sein wollte. Das aber ist sie nicht, wie auch Sp. weiß, für den das Recht im Staate nicht die Macht der Natur ist, sondern ihre Regelung durch Vernunft. Dem Judentum ist der heilige Schöpfergott Quell doppelter Gesetze: der Gesetze der Macht und der Gesetze des Rechts. Ihre Vereinbarkeit im Wirken Gottes ist das Geheimnis Gottes und der messianischen Zukunft der Menschheit. Die Unaufhellbarkeit dieses Geheimnisses aber ist wohl die Schranke der Gotteserkenntnis, nicht aber die Widerlegung der Religion, die nie die uneigennützige Gottesliebe von den sittlichen. Interessen der Menschheit loslösen wird. So wenig aber die logischen Gesetze des Denkens eine Einschränkung der Macht Gottes bedeuten, sie vielmehr sein Wesen ausdrücken, bedeutet es, wie Sp. meint, eine Unterwerfung Gottes unter ein blindes Schicksal, wenn Gott das Gute verwirklicht. Nur weil für Sp. das Gute das Nützliche ist, wenn auch das wahrhaft Nützliche, kann es nicht zum Wesen Gottes gehören. Dem Judentum hingegen ist das Gute die Vollkommenheit, das Wesen, die Heiligkeit Gottes. Und darum ist das Gute zugleich die Lebensgrundlage des Menschen. In Sp. vollzieht sich die Auseinandersetzung des jüdischen Gottesbegriffs mit dem neuen Naturbegriff. Indem er den jüdischen Gottesbegriff in die Form der modernen Naturerkenntnis überführt, erweist er die Allmacht Gottes als Fundament der Natur. So gibt er der neuen Wissenschaft im Schöpfergott ihre religiöse Tiefe und begründet die neuzeitliche Form des religiösen Bewußtseins. Zugleich aber stellt er das Problem, das sittliche Bewußtsein des Menschen