Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Ethik Spinozas in ihrem Verhältnis zum Judentum
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 366 (sequence 12)
- Language
- German
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366 in seiner kosmischen Bedeutung zu erfassen. Das ist das Problem der modernen Religionsphilosophie. So ist es notwendig, den Anteil der jüdischen Religion an der Entwicklung des neuzeitlichen religiösen Bewußtseins von Sp. an und darüber hinaus festzustellen. Es dürfte sich ergeben, daß, wie Troeltsch es ausspricht, die Bibel ״niemals bloß Vorstufe und Deutungsmittel des Christentums und des Neuen Testamentes geblieben ist.“ (Troeltsch: Ueber Judentum und christliche Antike Ges. Sehr. Bd. IV S. 821). Eine alte jüdische Predigt. Von Rabb. Dr. Dienemann in Offenbach a. M. Ein Vielfaches ist die Aufgabe der jüdischen Predigt. Sie soll Frömmigkeit, d. h. das unwandelbare Vertrauen auf Gott, die Seelenhaltung des Verbundenseins mit Gott erwecken, sie soll diese Herzensfrömmigkeit einmünden lassen in die jüdische Frömmigkeit, d. h. in den Willen, die Gebote der Thora zu halten, und sie muß Tröstung spenden und die Ueberzeugung von der Dauer Israels, der Ewigkeit und Unveränderlichkeit des göttlichen Schutzes, unter dem es steht, fest begründen. Alle diese Aufgaben suchte die alte Predigt in der Form der Bibelauslegung zu erfüllen. Diese Bibelauslegung wTar nicht die nüchterne, sachliche, nur den schlichten Wortsinn und den unmittelbaren Zusammenhang der Sätze berücksichtigende unserer Tage, sie wurde mit souveräner Freiheit gehandhabt; man nahm sich das Recht, einen Bibelvers aus seinem Zusammenhang herauszuheben, ihn auf irgend ein Ereignis zu beziehen, auf das er von Hause aus nie gemünzt war, Bibelverse, die an und für sich keine innere Beziehung haben, in Beziehung zu einander zu setzen, indem man sie in den Ablauf einer legendenhaften Erzählung hineinverwob, das alles, um Ziele wie die oben skizzierten zu erreichen. Als Beispiel der Geschlossenheit einer solchen alten Predigt, die sich äußerlich als Auslegung eines Bibelsatzes gibt, sei die folgende Ausdeutung eines Satzes aus der Erzählung von Jakobs Traum und von Jeremia 3010 wiedergegeben. Sie findet sich in dieser Geschlossenheit im Tanchuma zum Anfang des Wochenabschnittes ויצא und ziemlich gleichlautend1 in Wajikra rabba Abschnitt 29, in der Pesikta zu בחדש השביעי und im Jafkut zu Jeremia 3010. Es heißt (Gen 28^): ״er träumte und siehe, eine Leiter war gestellt auf die Erde, ihre Spitze reichte bis zum Himmel, und die Engel Gottes stiegen an ihr herauf und hinunter“; R. Samuel bar Nachman sagte, das waren die Schutzgeister2 der heidnischen Völker, denn, so sagte R. Samuel bar Nachman, der Satz will zeigen, daß der Heilige, gelobt sei er, unserem Vater Jakob den Schutzgeist Babels 1 Nur die wesentlichen Abweichungen der Texte von einander werden angegeben. 2 Nach einer weitverbreiteten Vorstellung hat jedes Volk seinen ihn personifizierenden Schutzengel, dessen Schicksal und Tun das des Volkes wiederspiegelt.