Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Ethik Spinozas in ihrem Verhältnis zum Judentum
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 364 (sequence 10)
- Language
- German
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364 Gemeinschaft zu einer Gemeinschaft des Friedens, des Rechts und der Freiheit. Aber der Staat ist für den Menschen, nicht der Mensch für den Staat. Im Schutze dieses Friedens des Staates entfalten sich die persönlichen Güter der Geistesfreiheit, Gotteserkenntnis und Gottesliebe. Diese stolze Höhe der Spinozistischen Ethik, die Gott, Natur, menschliche Gemeinschaft, Persönlichkeit, Unsterblichkeit einheitlich umspannt, darf uns freilich nicht vergessen lassen, daß grade hier die weiteste Entfremdung Sp.s vom jüdischen Mutterboden ist. Wohl trifft Sp. mit dem Judentum darin zusammen, in der Vernunft die tiefste Kraft der Freiheit des menschlichen Willens zu sehen und zugleich in der Vernunft das Organ der Gotteserkenntnis und Gottesliebe zu würdigen. Diese Erkenntnis und Gottesliebe aber ist bei Sp. die Weisheit des Metaphysikers, im Judentum die sittliche Erkenntnis, die sich in der sittlichen Tat ihres Ursprungs aus Gott bewußt wird. Die Heiligkeit Gottes ist im Judentum seine höchste Erhabenheit und Liebe sein reinster Ausdruck. Darum ist das Reich der Menschenliebe die höchste Offenbarung seiner Weltregierung, Im System Sp.s ist die sittliche Erkenntnis wohl Vernunfterkenntnis im Bereiche des Menschlichen. Sp. wird leidenschaftlich, wenn aus seiner Metaphysik die gleiche Notwendigkeit und demzufolge Gleich- Wertigkeit aller menschlichen Handlungen gefolgert und ihr verschiedener Ursprung aus adäquaten oder inadäquaten Ideen, Vernunft oder Unvernunft übersehen wird. Aber als Ordnung menschlicher Handlungen ist die sittliche Ordnung durch Recht und Gesetz wie sehr eine vernünftige, doch nicht eine kosmische Ordnung. Gewiß ist die Idee des Rechts eine adäquate Idee der Vernunft, aber in Gott nur insofern, als er die Idee des Menschen denkt. Recht ist vernünftige Menschensatzung, nicht göttliche Wahrheit. Und ebenso ist für Sp. Gottesliebe höchste Frucht der Gotteserkenntnis im menschlichen Geist, der sich und seine Vernunft und seine Ewigkeit als Werk Gottes erkennt. Aber in Gott ist diese Gottesliebe nur insofern der Mensch in Gott ist. Dagegen in seiner Absolutheit ist Gott wie über alle Endlichkeit, so über die Affekte des menschlichen Geistes erhaben. Indem Sp. die Erhabenheit Gottes in ihrer kosmischen Allgewalt zum Fundament seiner Metaphysik macht, glaubt er alle bloß menschlichen Qualitäten des Gefühls, der sittlichen Erkenntnis, der Liebe von Gott entfernen zu müssen. (Vergl. dagegen wie Maimonides trotz gleicher metaphysischer Tendenz den A fistotelischen Gottesbegriff ethisiert, indem er das Sittliche als Wirkungsattribut Gottes bestimmt More Nebochim I, 54). Der Tiefsinn Sp.s und die Wucht seines Charakters zeigt sich darin, daß trotzdem nicht bloße Naturgewalt, sondern Recht, Vernunft, Gottesliebe Entfaltung des wahren menschlichen Wesens sind. Aber diese hochsten Werte des Menschenlebens, sind gleichwohl bloß menschliche Werte, nicht Offenbarung göttlichen Seins, Voraussetzungen der Gotteserkenntnis, nicht diese selbst. Die jüdische Religion umfaßt Gott als den erhabenen Schöpfer der Welt und fühlt ihn zugleich als den Hort des menschlichen Herzens. Sp. glaubt die Allgewalt Gottes in der mathematischen