Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Ethik Spinozas in ihrem Verhältnis zum Judentum
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 363 (sequence 9)
- Language
- German
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363 Lebensgutes ist. Die ethische Grundrichtung seines Systems, die sich in der ethischen Abzweckung seiner Metaphysik ausspricht, sie wirkt sich auch in seiner voluntaristisch-rationalistischen Psychologie aus. Erkenntnis und Wille sind identische Begriffe. Erkenntnis, die nicht den Willen bestimmt, verdient nicht den Namen der Erkenntnis. Erkenntnis ist Selbstbejahung, Wahrheit ist Leben. Der Weise sinnt nicht über den Tod, sondern über das Leben. Wenn man vielfach in der Psychologie Sp.s den strengsten Intellektualismus findet, so liegt dies daran, daß nur der logische Zusammenhang der Ideen als Wesen des Geistes, nicht aber die voluntaristischen Motive seiner Psychologie genügend berücksichtigt wurden. Wie in der ethischen Richtung seiner Metaphysik, sehen wir in der voluntaristischen Würdigung der Erkenntnis Uebereinstimmung Sp.s mit jüdischer Lebensanschauung. Zugleich aber liegt in dem voluntaristischen Rationalismus Sp.s wie des Judentums der ungeheure Optimismus, daß der Mensch sich zur Höhe der Erkenntnis und damit des wahren Glückes erheben kann. Das ist kein flacher Rationalismus, sondern die Ueberzeugung von der Macht der Vernunft über den Willen. Im Glauben an menschliche Freiheit und Glück auf dem Wege der Erkenntnis stimmt Sp. mit dem Judentum überein. So dürfte es berechtigt sein zu sagen, daß die mathematische Not- Wendigkeit, mit der Sp. den Weg des Heils erweist, ein Zeugnis des jüdischen ethischen Rationalismus ist. IV. Ist Erkenntnis Selbstbejahung der Vernunft, so ist höchste Erkenntnis höchste Selbstbejahung und darum höchstes Glück. Die höchste Erkenntnis ist die Erkenntnis Gottes als Ursache aller Wirklichkeit. Aber auch die wahre Erkenntnis selbst ist daher Wirkung Gottes, ein. Moment im unendlichen Denken Gottes. Die höchste Steigerung der menschlichen Vernunft ist somit die innigste Verbindung mit Gott. Aus dieser Verbindung folgt die Ewigkeit des wahren Denkens, die Unvergänglichkeit des Glückes der Gotteserkenntnis. Die Gottesliebe ist daher die notwendige Folge der Gotteserkenntnis. Enthoben aller naturnotwendigen Vergänglichkeit irdischer Güter ist Gott der Seele Objekt der Erkenntnis und der Liebe. Die Gott erkennende und liebende Seele aber ist eingesenkt in das Leben Gottes, somit ist ihre Erkenntnis und Liebe die Erkenntnis und Liebe Gottes selbst. Hieraus folgt, daß die Liebe Gottes zu den Menschen und die geistige Liebe der Seele zu Gott ein und dasselbe sind. So ist die Liebe zu Gott das Heil der Seele, ihre Glückseligkeit, Freiheit und־ Ewigkeit. Dieses höchste Gut aber ist allen vernunftbegabten Wesen zugänglich. So wird derjenige, der Gott liebt, danach streben, daß alle vernunftbegabten Wesen dieses Glückes teilhaft werden. Denn in der Gemeinsamkeit der Gottesliebe erfährt diese ihre Steigerung. Dazu aber ist die allgemeine Entwicklung der Vernunft notwendig. Sie ist der höchste Zweck der menschlichen Gemeinschaft und in ihrem Dienste steht die Vereinigung der Menschen unter Gesetzen der Vernunft. Die Gesetze der Vernunft ordnen die menschliche