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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 5 · p. Seite 362

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 5
Article
Die Ethik Spinozas in ihrem Verhältnis zum Judentum
Date
1926-01-01
Page
Seite 362 (sequence 8)
Language
German
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362 Der menschliche Körper ist ein überaus zusammengesetzter Organismus und kann die äußeren Körper auf sehr viele Arten hewegen. Demgemäß hat die menschliche Seele die Fähigkeit, sehr vieles wahrzunehmen und vorzustellen. Wenn die menschliche Seele die Außenwelt nur vorstellt in ihrer Wirkung auf die menschliche Seele, hat sie keine adäquate Erkenntnis der Außenwelt, da sie diese nicht in ihrem objektiven Zusammenhang, sondern nur in ihrer Wirkung auf das Ich erfaßt. Wenn dagegen die menschliche Seele das allen Dingen Gemeinsame erfaßt, das gleichermaßen im Teil wie im Ganzen ist, dann hat sie notwendig adäquate Ideen und alles, was aus diesen adäquaten Ideen folgt, wird gleichfalls von ihr adäquat erfaßt. Die höchste Erkenntnis ist die intuitive Erkenntnis, die von der Erkenntnis Gottes zur Erkenntnis der Wesenheit der Dinge schreitet. Die Erkenntnis aber ist kein stummes Gemälde, sondern sie bejaht sich selbst. Wie das Licht sich selbst und die Finsternis offenbart, so ist die Wahrheit die; Norm ihrer selbst und des Falschen. Die menschliche Seele ist solcher Erkenntnis Gottes fähig (Eth. II Lehrs. 14—43.) Wie die Selbstbejahung der Idee das Selbsterhaltungsstreben des Dinges ist, gibt es keinen Willen, der nicht eine Bejahung der Idee ist. Wille und Verstand sind auch im Menschen ein und dasselbe. (Eth. II Lehrs. 49.) Wie die Seele sich selbst bejaht, wehrt sie ihre Zerstörung ab. Das Streben nach Selbsterhaltung ist die erste und einzige Grundlage der Tugend. (Eth. IV Lehrs. 22.) Die Erkenntnis des Guten und Schlechten ist daher zugleich der Affekt der Freude über die Förderung oder der Trauer über die Minderung der Selbsterhaltung und darum begehrt ein jeder notwendig das, was er als gut beurteilt, und verabscheut umgekehrt das, was er als schlecht beurteilt. (Eth. IV Lehrs. 19.) Sofern der Mensch von inadäquaten Ideen bestimmt wird, folgt er nicht der Kraft seines Denkens, sondern den Trieben, die die Bejahung des nicht adäquat Erkannten sind, und erstrebt Güter, die keine sind. Nur der Mensch unter Leitung der Vernunft erstrebt das wahre Gut, das beständig ist und ihm dauerndes Glück gewährt. Streben nach Einsicht ist daher die erste und einzige Grundlage der Tugend. (Eth. IV Lehrs. 26.) Adäquate Erkenntnis ist zugleich richtiges Wollen, Tugend, und inadäquates Erkennen ist zugleich irregeleitetes Wollen, Torheit. Damit ist Tugend die Frucht de-r selbständigen Vernunft, Laster selbstverschuldete Torheit. Ohne den Abstand der hochentwickelten Psychologie Sp.s von den psychologischen Vorstellungen der Bibel irgend in Abrede zu stellen, ist doch augenfällig, wie stark von der Bibel das Denken als Erkenntnis des Guten, das' Schlechte als Torheit, das Gute als die Grundlage des Lebens, das Böse als Selbstzerstörung erfaßt wird. (Vgl. Lev 185; Deut 46, 3015. 3229; Ps 38*, 69e; Jerem 4»2, 5*., 89, 923; 1 Sam 1313, 2621; 2 Sam 2610 1 Chr 21«; 2 Chr 16,; Koh 2“ 7״; Spr 1314, 1622, 193 usw.) Gewiß hängt das damit zusammen, daß die Bibel keine Theorie um ihrer selbst willen kennt, sondern der Lebensgestaltung zugewendet ist, daher ihre Begriffe Lebensbegriffe sind. Um so auffälliger ist aber, daß auch Sp. keine Theorie um ihrer selbst willen kennt, sondern ihm die wahre Erkenntnis Erkenntnis des höchsten

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