Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Ethik Spinozas in ihrem Verhältnis zum Judentum
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 361 (sequence 7)
- Language
- German
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361 der Natura naturans ist und sich wesenhaft vom Künstlergott Giordano Brunos, geschweige vom griechischen Pantheismus unterscheidet. In Sp.s deus sive natura lebt weder der Enthusiasmus der Schönheitsherrlichlceit der Welt, wie ihn die Renaissance empfand, noch dionysisches Mitgefühl mit den göttlichen Schöpferkräften der Natur, wie es griechischer Frömmigkeit zu Grunde liegt. Sp.s Gott — Natur ist die Allgewalt des Schöpfergottes, der sich in der Notwendigkeit der Natur, nicht in ihren Kräften oder Gestalten offenbart. Aber auch hierbei hat es nicht sein Bewenden. Sp. schafft nicht nur eine Metaphysik der Gotteserkenntnis, sondern auf ihrem Grunde eine Ethik der Gottesliebe. Wie ist das möglich und was hat sie zu bedeuten? Was ist der Mensch, daß er Gott zu lieben vermag? Und wird auch Gott von dieser Liebe berührt, daß er den Menschen widerliebt, oder daß gar die Menschenliebe ein Strahl der göttlichen Liebe ist? III. Auf den ersten Blick will es scheinen, daß die Psychologie Sp.s im Gegensatz zum Voluntarismus des Judentums, das gemäß seinem dynamischen Gottesbegriff in Trieb und Willen den entscheidenden Charakter des Menschen sieht, dem Aristotelischen, nur mathematisierten Intellektualismus angehöre. Nachdem wir aber in dem Rationalismus des Spinozistischen Gottesbegriffs die stärkste Anerkennung der Absolutheit des göttlichen Willens erkannt haben, so daß seine Gesetze gar nicht übertreten werden können, werden wir den voluntaristischen Charakter der Spinozistischen Psychologie deutlicher erfassen. Wohl umspannt die strenge Notwendigkeit der logisch-mathematischen Folge den Zusammenhang der Natur und ist dieser Zusammenhang gemäß der Einheit Gottes in allen seinen Attributen der gleiche. Wie daher die Ordnung und der Zusammenhang der ausgedehnten Dinge derselbe ist wie die Ordnung und der Zusammenhang der Ideen, erschöpft sich der Inhalt des Attributs des Denkens in der zwar nicht von der Außenwelt bewirkten, aber sie widerspiegelnden Ordnung der Begriffe. Aber diese Begriffe haben eine eigentümliche Aktivität, sie bejahen sich selbst und demzufolge strebt jedes Ding, so viel an ihm ist, in seinem Dasein zu beharren. Die Macht Gottes, durch die Gott ist und handelt, wirkt in den Dingen und drückt sich in ihnen als das Streben der Selbsterhaltung aus (Eth. III Lehrs. 6). Das Selbsterhaltungsstreben ist die Wesenheit des Dinges selbst (Eth. III Lehrs. 7). Nur ist die Kraft der Selbsterhaltung der Dinge eingeschränkt und der Förderung und Schädigung durch äußere Ursachen unterworfen. Je nach der einfacheren oder komplexeren Natur des Körpers ist auch die Struktur der Seele einfach oder komplex. Und je fähiger ein Körper vor andern ist, vielerlei zugleich zu tun und zu leiden, um so ■ fähiger ist seine Seele vor anderen Seelen vieles auf einmal wahrzunehmen; und je mehr die Handlungen eines Körpers von ihm allein abhängen, und je weniger andere Körper bei seinem Tun mitwirken, um so fähiger ist seine Seele zu deutlicher Einsicht (Eth. II Lehrs. 13 Anm.).