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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 5 · p. Seite 360

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 5
Article
Die Ethik Spinozas in ihrem Verhältnis zum Judentum
Date
1926-01-01
Page
Seite 360 (sequence 6)
Language
German
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360 zwischen Steinen, Pflanzen, Tieren und Menschen gibt, ־unterscheidet die Menschen die Vollkommenheit oder Unvollkommenheit ihrer Vernunft, ,,Wollte jemand sagen, ich stelle die Menschen, indem ich sie derart von Gott abhängig mache, den Elementen, Pflanzen und Steinen gleich, so würde das zur Genüge zeigen, daß er meine Meinung vollkommen verkehrt versteht und die Dinge, die sich auf den Verstand beziehen, mit der Vorstellang verwirrt. Wenn man nämlich mit dem reinen Verstand begriffen hätte, was es bedeutet von Gott abhängen, dann würde man gewißlich nicht denken, daß die Dinge, sofern sie von Gott abhängen, tot, körperlich und unvollkommen wären/' (Ep 21.) Wer aber fragt, wTarum Gott nicht alle Menschen so geschaffen hat, daß sie allein der Leitung der Vernunft gehorchen, dem antworte ich nichts anderes als: well die Gesetze seiner Natur so umfassend sind, daß sie ausreichen alles hervorzubringen, was von seinem unendlichen Verstände begriffen werden kann. (Eth I Anhang). So gewiß der Gottesbegriff Sp.s erst im weiteren Aufbau der Ethik seine vollkommene Klarheit gewinnt, ist doch bereits jetzt ein Vergleich des Spinozistischen und jüdischen Gottesbegriffs möglich. Man ist gewöhnt, den Unterschied des biblischen und des Spinozistischen Gottesbegriffs darin zu sehen, daß die Bibel die Transcendenz, Sp. die Immanenz Gottes lehre. So richtig diese Feststellung ist, ergibt sich ihre Bedeutung aber erst dann, wenn der Sinn der Transcendenz und Immanenz erfaßt wird. Die Religion der Bibel ruht auf dem Verhältnis von Gott und Mensch, die Frömmigkeit Sp.s auf dem Verhältnis von Gott und Natur. Die Gottesoffenbarung der Bibel ist die Lehre Gottes als der Weg des Lebens für den Menschen, die Gottesoffenbarung Sp.s die Notwendigkeit der Natur als Ausdruck der Ewigkeit Gottes. Darum ist in der Bibel der Prophet, bei Sp. der Metaphysiker der Gott Erkennende, ist dort die . Geschichte, hier die Natur das entscheidende Wirkungsfeld Gottes, dort der Heilige, hier der Ewige Gott. Erscheint so Sp. im Gegensatz zur jüdischen Frömmigkeit, der er keine wahre Gotteserkenntnis zugesteht, so ändert sich das Verhältnis, wenn wir darauf achten, wie in der biblischen Gotteserkenntnis bei aller Zurückhaltung von theoretischen Spekulationen die Einzigkeit Gottes, seine Allmacht, die Schöpferkraft seines Willens eine Erhabenheit erhält, die alle Kreatur, die Welt als Geschöpf seines Willens zum Schemel seiner Füße gestaltet. Von der großen Antinomie des jüdischen Gottesbewußtseins, des Schöpfergottes und des Gottes der Menschenseele, hat Sp. den Schöpfergott zum Fundament seiner Metaphysik gemacht. Aus der Religion der Erhabenheit stammt die Definition Gottes, ,,daß er notwendig existiert, daß er einzig ist, daß er allein kraft der Notwendigkeit seiner Natur ist und handelt, daß er die freie Ursache aller Dinge ist, daß alles von Gott ist und von ihm derart abhängt, daß es ohne ihn weder sein noch begriffen wrerden kann, und schließlich, daß alles von Gott vorher bestimmt ist, und zwar nicht durch Freiheit des Wüllens oder durch ein unbedingtes Gutdünken, sondern durch Gottes unbedingte Natur oder unendliche Macht." (Eth I Anhang). Der rationale Pantheismus Sp.s ist die stärkste Unterwerfung der Natur unter den Willen Gottes,

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