Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Ethik Spinozas in ihrem Verhältnis zum Judentum
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 358 (sequence 4)
- Language
- German
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358 II. Die Gottesidee ist für Sp. zunächst das Prinzip der Wirklichkeitserkenntnis, weil die Erkenntnis nur dann einen methodisch gesicherten Gang geht, wenn die Reihe der bedingten Gegenstände deduktiv aus dem Unbedingten abgeleitet wird. Weil alle Erkenntnis Ableitung des Erkannten aus seinen es bedingenden Ursachen ist, muß die Causa sui, das Unbedingte, das Fundament aller Wirklichkeitserkenntnis sein. Der ontologische Gottesbeweis erweist die Existenz des unbedingt Seienden und somit ist die Causa sui der Fundamentalbegriff der Erkenntnis und der Wirklichkeit. Warum aber ist diese Causa sui Gott? ,,Unter Gott verstehe ich das unbedingt unendliche Wesen d. h. die Substanz, die aus unendlich vielen Attributen besteht, deren jedes ewige und unendliche Wesenheit ausdrückt/‘ (Ethik I. T. 6. Def.). Das ist eine Definition, die über den kahlen Begriff der Causa sui weit hinausgeht, in welcher sich in der Gleichsetzung der Causa sui mit dem ens perfectissimum ein religiöses Bewußtsein ausspricht, das mit dem Gottesbewußtsein so sehr Ernst macht, daß die Welt keinen Raum neben Gott hat. Die Unendlichkeit Gottes schließt seine Einzigkeit ein und die Einzigkeit Gottes ist seine Unendlichkeit. Dieser Gott aber ist kein selig in sich beschlossener Geist, kein Philosophengott, der den Reichtum seines Geistes genießt. Sondern aus der göttlichen Natur, ihren unendlich vielen Attributen, deren jedes unendliche Wesenheit ausdrückt, muß unendlich vieles auf unendlich viele Weisen folgen. Dieses unendliche Geschehen aber, in dem sich Gottes Wesenheit ausdrückt, würde die Unendlichkeit des Geistes entbehren, wäre es nicht vom Denken Gottes umfaßt, und es würde die Einheit und Wahrheit entbehren, wenn nicht die Einheit des Gedankens zugleich die Einheit des unendlichen Geschehens wäre. So ist die Notwendigkeit des Gedankenzusammenhanges zugleich die Notwendigkeit des Geschehens, beides aber Ausdruck des göttlichen Seins, dessen Macht und Freiheit die Notwendigkeit seines Wesens ist. Gottes Verstand, Wille und Macht sind ein und dasselbe. Wenn also die moderne Naturwissenschaft die logisch-mathematische Notwendigkeit des Geschehens richtig erfaßt hat, so fehlt ihr doch das Fundament der Erkenntnis und damit ihre Gewißheit, solange sie nicht in der Notwendigkeit des Geschehens den Ausdruck der Notwendigkeit, Unendlichkeit, Allmacht, Freiheit, Geistigkeit, Einheit Gottes erfaßt hat. Die Metaphysik vollendet und sichert die Physik, die Metaphysik aber ist selbst begründet in dem intuitiven religiösen Bewußtsein von der Einzigkeit und Unendlichkeit Gottes. Die mathematische Naturwissenschaft hat richtig erfaßt, daß das Endliche nicht sich selbst gehört, sondern sein Wesen und sein Sein anderem Endlichen verdankt, dieses wieder seiner endlichen Ursache und so fort ins Unendliche. Das Hervorgehen der endlichen Dinge auseinander aber erfolgt nach ewigen Gesetzen des logischen Zusammenhanges. So ist die unendliche Reihe der endlichen Dinge beherrscht von der ewigen Notwendigkeit, ״aus den festen und ewigen