Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Ethik Spinozas in ihrem Verhältnis zum Judentum
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 357 (sequence 3)
- Language
- German
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357 Im Emporblühen der Städte, des Handels und der Industrie erhob sich das Bürgertum zu wirtschaftlicher und sozialer Bedeutung. Im Bunde mit der neuen Wissenschaft von der Natur wurden die technischen Grundlagen der Industrie geschaffen und erweiterten Entdeckungen neuer Erdteile und Seewege den Spielraum der wirtschaftlichen Beherrschung der Erde. Der Weltverkehr von Volk zu Volk, von Land zu Land schlug Brücken über die Verschiedenheit von Sitten, Gebräuchen und Anschauungen und stärkte das Bewußtsein von der Einheit des Menschengeschlechts. Gab die Kunst dem neuen Heimatsgefühl des Menschen auf der Erde, seiner Freude an der sichtbaren Natur, an der Entfaltung der Schönheit des menschlichen Körpers und der Würde seines herrschenden Geistes leuchtenden Ausdruck, so begründete eine neue Wissenschaft die dem Staat eigene Ratio, gewann aus der neu belebten Stoa die Grundlagen zu einer neuen Erkenntnis von Menschen, seines rationalen sittlichen Bewußtseins, des universellen Völkerrechtes, der natürlichen dogmenfreien Gotteserkenntnis. Und endlich suchte eine neue Natur- Philosophie erst im tumultuarischen Beginnen, dann in methodischer Reife in der erkenntnistheoretischen Begründung der neuen Naturerkenntnis ein einheitliches Weltbegreifen zu gewinnen. Hier hatte Descartes im Selbstbewußtsein des Geistes den Ausgangspunkt aller Erkenntnis und die Norm der Wahrheit gefunden, die im eingeborenen Besitz des Geistes, seiner unbezweifelbaren Klarheit und Deutlichkeit besteht und sich zum System apriorischer mathematisch-physikalischer Erkenntnisse entfaltet. Gott schien für das System der Naturerkenntnis nur als äußerste Sicherung gegen die Macht des Zweifels an der Wahrheit der autonomen Erkenntnis von nöten zu sein, die Wahrhaftigkeit Gottes sollte allein die Wahrheit der evidenten menschlichen Erkenntnis verbürgen. Autonomie der Kultur und Autonomie des Menschen war das große Losungswort, das die neue reiche Welt des Geistes zur Einheit zusammenband. Und nun schuf Sp. im Gottesbegriff die Grundlage zu einer Natur- und Menschenleben umfassenden Wirklichkeitserkenntnis. Sp. vollendet die Autonomie der Kultur in einer autonomen Gotteserkenntnis, die zugleich Grundlage der Natur erkenntnis sein soll. (Vergl. Dilthey: Die Autonomie des Denkens, der konstruktive Rationalismus und der pantheistische Monismus nach ihrem Zusammenhänge im 17. Jahrh. Sehr. II S. 246 ff.). In einer unerhörten Kraft der religiösen und wissenschaftlichen Energie scheint Sp. anstelle der mittelalterlichen Lösung Religion und Natur- Wissenschaft zu neuer Einheit zu bringen und in Gotteserkenntnis und Gottesliebe Wahrheit, Sinn und Glück des Menschenlebens zu begründen. Derselbe Sp., der wegen Mißachtung des jüdischen Gesetzes aus . der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen wurde und seinen Zeitgenossen als Feind aller Religion erschien, weil er die Autorität der Bibel in Wort und Tat angriff. Und warum dann wieder diese schroffe Ablehnung des Wahrheitsanspruchs der Bibel, die nur zum Gehorsam, nicht aber zur Gotteserkenntnis leiten sollte? Dieser Widerspruch ist nur zu begreifen, wenn der Sinn des Spinozistischen Gottesbegriffs feststeht.