Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Ethik Spinozas in ihrem Verhältnis zum Judentum
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 356 (sequence 2)
- Language
- German
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356 Problem, ob und inwieweit es Sp. gelungen ist, die Synthese zu vollziehen, die Aufgabe und Ziel seiner Philosophie ist, nämlich auf dem Boden der mathematischen Naturerkenntnis die religiös — sittlichen Ideen ,,von Gott, dem Menschen und dessen Glückseligkeit“ zur wissenschaftlichen Anerkennung zu bringen. Und hier erhebt sich das Problem der jüdischen Religionsphilosophie, ob und inwieweit in der Lösung Sp.s die Eigenart der jüdischen Religion zur Geltung gelangt. Denn mochte Sp. in Schroffheit und Feindseligkeit zum Verächter der angestammten Religion geworden sein und im Denkerstolz des Zeitalters des Rationalismus glauben, ganz aus der Kraft des eigenen Denkens heraus sein religiöses Weltbild geschaffen zu haben, wir wissen, daß die tiefsten Gedanken aus dem Herzen kommen und es die Ueberzeugungen sind, die dem Verstand die Wege zeigen, die Welt des. Glaubens zu begründen oder zu verwerfen. So gilt es die religiöse Energie zu bestimmen, aus der heraus Sp. seine Metaphysik schafft. I. Nie war die Aufgabe der philosophischen Begründung der Religion dringlicher als zur Zeit Sp.s. Denn wie schwer die mittelalterliche Religionsphilosophie mit dem, Problem rang״ die griechische Weltansicht mit den religiösen Ueberzeugungen von Gott, Vorsehung, sittlicher Bestimmung, Willensfreiheit, Unsterblichkeit zu vereinen, und wie sehr sie wesentliche religiöse Ueberzeugungen dem wissenschaftlichen Begriffszusammenhang opferte, so gewährte ihr die griechische Weltansicht, zumal in der Umbildung islamischer Denker, doch die Gewißheit eines von Gott bewirkten Zusammenhanges der Welt, einer zweckvollen Einheit des Geschehens, der Bedeutung sittlichen Tuns, des Ranges des Geistes, der Bestimmung des Menschen. (Vergl. I. Heinemann: Die Lehre von der Zweckbe- Stimmung des Menschen im griechisch-römischen Altertum und im jüdischen Mittelalter, Breslau 1926). Dagegen hatte die neue Wissenschaft der mathematischen Naturerkenntnis den mechanistischen, zweckfreien Charakter des Naturzusammenhanges und zugleich die Unendlichkeit der Natur festgestellt. Mit der Zentralstellung der Sonne im Universum hatte die Erde auf gehört der Mittelpunkt der Welt und der Mensch der Zweck des Geschehens zu sein. Losgekettet von der Notwendigkeit des wozu rollen die Himmelskörper durch den unendlichen Raum. Die Gesetzlichkeit der Zahl tritt an Stelle der aristotelischen Formen, die Einheit der Materie an Stelle des Reiches des Zweckes. Die Aristotelische Physik versinkt und mit ihr die Metaphysik, die dem religiösen Weltbild zur Stütze diente. Und nicht allein das naturwissenschaftliche Weltbild hatte sich geändert, auch das Leben hatte Formen geschaffen, die die mittelalterliche Kultur sprengten. Aus dem Weltreich der Kirche lösten sich die nationalen Staaten unter Führung von Herrschern und Staatsmännern, die die Machtsteigerung des Staates zum autonomen Zweck der Politik machten und in der Entfaltung der wirtschaftlichen Kräfte der Nation das Mittel der Machtsteigerung des Staates sahen.