Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Manuel Joel als Darsteller der Religionsphilosophie des Mittelalters
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 354 (sequence 4)
- Language
- German
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354 sophie“, unter dem Einfluß des von ihm so ungerecht behandelten Judentums steht. Insbesondere hat Crescas nicht allein in der Erschütterung des Aristotelismus, damit aber des Weltbildes der Scholastik, Spinoza und der Renaissance vorgearbeitet: auch in der Lehre von der Unendlichkeit, von der Willensfreiheit des Menschen und dem göttlichen Willen, besonders aber in der Wertschätzung der ״intellektuellen Liebe zu Gott“ erscheint Spinoza als Weiterbildner C-rescasscher Gedanken. Es ist zuzugeben, daß Joel gelegentlich die Tragweite jüdischer Einwirkungen überschätzt. Aber das liegt durchaus nicht an einer einseitigen Bewertung des Judentums. Zeigt er sich doch z. B. auch bestrebt, die Linien zu verfolgen, die von Ibn Roschd zu Kant führen1. Und eigentümlicherweise neigt er auch dazu, die jüdischen Philosophen zu sehr aus dem Strome des allgemeinen Geisteslebens zu verstehen. ,,Originalität im landläufigen Verstände“ will er selbst Maimonides nicht zusprechen2; und im Gegensatz zu'Munk sucht er zu zeigen, daß Gabirols Lebensquell ״nichts ist als ein Lehrbuch der neuplatonischen Philosophie“3. Die bedeutende Geistesarbeit, welche die jüdischen Denker und ihre arabischen Vorgänger leisteten, um die den positiven Religionen fernstehenden Systeme des gereiften Aristoteles und des Plotin ihren Zwecken dienstbar zu machen, wird also gar nicht gewürdigt; nicht eine Ueberschätzung des Jüdischen4, sondern des Geschichtlichen macht die Schranke der Betrachtung Joels aus. Diese Schranke liegt freilich in der Zeit begründet; vor allem in der Hegelschen Philosophie, deren Einfluß auf die Geschichte oder, wie man gerade nach Hegel so gern sagte, auf die ״Entwicklung“ des jüdischen Denkens vor 50—70 Jahren so bedeutend war. Aber dazu kam das Erlebnis des Juden der damaligen Zeit, der, selbst aus der Isolierung des Ghettolebens herausgetreten, empfangend und gebend Welle zu werden sucht im Strom des allgemeinen Geisteslebens und aus diesem Erlebnis heraus geistesverwandte Männer der Vergangenheit zu begreifen sucht. Damit ist zugleich unsere eigene Stellung zu diesem Teile des Lebenswerkes Joels in der Hauptsache gegeben. Uns interessiert durchaus nicht nur der große weltgeschichtliche Zusammenhang, sondern nicht minder seine Träger als große jüdische Persönlichkeiten. Und wie wir heute die Verteidigung des Judentums gegen Skepsis und christliches Dogma nicht mehr einfach unter Berufung auf die Aufklärung des 18. Jahrhunderts und auf Kant führen, uns vielmehr bewußt sind, daß es eines starken Maßes jüdischer Selbsttätigkeit bedarf, um inmitten des allgemeinen Geisteslebens die Eigenart des jüdischreligiösen Menschen zu wahren, so interessiert uns an den Großen des Mittelalters, so wichtig die Erforschung ihrer griechischen und arabischen Vorgänger ist, gerade die eigene Note; wir fragen (oder wir sollten fragen): was hat Saadia nicht vom Kalam, Jehuda Halevi nicht von Gazzali, die jüdische Mystik nicht von der grie- 1 Lewi ben Gerson 56. 2 Maimonides 12. 3 Gabirol 4. 4 Andererseits hat sich Joel um die Bekämpfung der Unterschätzung des Judentums — infolge von Unkenntnis oder Vorurteil — zumal in seinen ,,Blicken in die Religionsgeschichte“ bedeutende Verdienste erworben.