Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Manuel Joel als Darsteller der Religionsphilosophie des Mittelalters
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 355 (sequence 5)
- Language
- German
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355 chischen, persischen, christlichen usw. Auch unsere Stellung zum Mittelalter ist eine andere geworden im Zusammenhänge mit schwerwiegenden Bedenken gegen die reinrationalistische Religionsauffassung, der der Zeitgenosse des ,,Materialismusstreites“ verständlicherweise stark zuneigte; wir können daher von den mittelalterlichen Philosophen zwar nicht als Metaphysikern (ihr Rationalismus liegt uns noch ferner als Joel), wohl aber als Darstellern des religiösen Lebens bei voller Anerkennung der Schranken ihres Weltbildes mehr lernen, als Joel für möglich hielt. Aber es liegt im Wesen der Wissenschaft, daß jede Generation ihr neue Aufgaben stellt. Und es bleibt Joels Verdienst, nicht nur die Aufgaben gesehen und zu erheblichem Teile gelöst zu haben, die seine Zeit stellte, insbesondere mehrere jüdische Denker in. die allgemeine Geistesgeschichte eingeführt zu haben, sondern auch Vorbildliches geboten zu haben in der Gründlichkeit und strengen Unbestechlichkeit seiner Forschung und in dem Bestreben, die mittelalterlichen Systeme mit dem Auge des systematisch interessierten Philosophen und des gediegenen Kenners ihrer griechisehen Quellen aufzufassen. Die Ethik Spinozas in ihrem Verhältnis zum Judentum. Von Albert Lewkowitz in Breslau. Durch Joels eindringende und kenntnisreiche Analysen von Spinozas ,,Kurzem Traktat“ und ,,Theologischpolitischem Traktat“ ist das geschichtliche Problem des Verhältnisses Spinozas zur jüdischen Religionsphilosophie und seine persönliche Stellung zum Judentum in bedeutsamer Weise geklärt worden. Unbeschadet der mannigfachen Einflüsse, die von Descartes, der Stoa, der Renaissance- Philosophie auf• Spinoza gewirkt haben, steht es fest, daß die Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen Religionsphilosophie eine wesentliche Voraussetzung bildet, von der aus Spinoza die eigene wissenschaftliche Leistung gewinnt. Ihr verdankt Sp. nicht allein den Ueberblick über den Stand der metaphysischen Probleme, ehe er zur Begründung der eigenen Metaphysik schreitet, sondern auch die eigene Problemlösung ist in entscheidender Weise von den Begriffen der mittelalterlichen Philosophie getragen. Substanz, Attribut, Modus, Intellectus infinitus, der logische Zusammenhang der Wirklichkeit, die rationale Gotteserkenntnis sind Grundpfeiler des Spinozistischen Systems und der mittelalterlichen Philosophie. In philosophie-geschichtlicher Hinsicht liegt daher die Bedeutung Sp.s darin, wie er diese scholastischen Begriffe mit dem Erkenntnis- und Naturbegriff der modernen mathematischen Naturwissenschaft verbindet und durch diese Umformung das teleologische Weltbild des Aristoteles in den Weltzusammenhang des Naturalismus transponiert. (Vergl. Julius Guttmann: Spinozas Zusammenhang mit dem Aristotelismus, in Judaica, Festschrift für Cohen, 515 ff.) Unabhängig von dem philosophiegeschichtlichen Problem der Bedeutung der Aristotelischen und mittelalterlichen Begriffsbildung für das Spinozistische System aber besteht das systematische 23*