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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 5 · p. Seite 349

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 5
Article
Manuel Joels Bedeutung für die jüdische Predigt
Date
1926-01-01
Page
Seite 349 (sequence 3)
Language
German
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349 wie ein ruhig abwägender Weiser; gleich des Erstem Beredsamkeit einem dahinbrausenden Strome, so des Letzteren Art einem aus der Tiefe sowohl des Denkens als des Empfindens sprudelnden Quell1. So sind seine Predigten hervorragende Kunstwerke geworden, die wie alle wahre Kunst den Eindruck des Naturwüchsigen machen. Die Zeit seiner Wirksamkeit verlangte von Joel, dem Nachfolger Geigers in Breslau, in den inner jüdischen Kämpfen eine doppelte Frontstellung, die aus seiner Versöhnungstheologie sich ergab, welche ihm eine Richtung des mittleren Weges einzuschlagen gebot zwischen der die geschichtlichen Bindungen unterschätzenden, vorwärtsstürmenden Reform und der starren, die Gesetze geschichtlichen Werdens nichtachtenden Orthodoxie. Ueberbrückung der Gegensätze: Wissen und Glauben, Lehre und Leben, Vergangenheit und Gegenwart, war sein Streben und sein Ziel. Um diese Synthese zu sichern, wandte er sich gegen die in seichten Rationalismus sich verlierende, das Judentum zu einer bloßen Humanitätsreligion, ohne Sonderart, verflachende Reform. In einer Peßachpredigt, die die Vorbedingungen der Erlösung behandelt, rühmt er die Ahnen, die ihren Namen nicht geändert, die auch in Aegypten das Vätererbe treu behüteten, und spricht von dem Geiste und Leben, die von den alten religiösen Einrichtungen und Ordnungen ausgehen, von der erziehlichen Kraft, die in ihnen schlummert, von den wettertrotzenden Charakteren, die sie zu bilden vermögen, und wendet sich schließlich mit scharfen Worten gegen den Indifferentismus: ,,Statt des Buchstabens den Geist zu setzen, wie man wohl sagt, hat einen Sinn, aber statt des Buchstabens das Nichts zu setzen, liegt darin ein erträglicher Sinn? Wer nicht blinde Frömmigkeit will, der muß doch bewußte Frömmigkeit wollen, wer aber gar keine will, wilL der überhaupt etwas?“ 2 So arbeitete er an der Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins in voller Teilnahme an den Kämpfen um die bürgerliche Gleichberechtigung, wie an der Verinnerlichung und Vertiefung des religiösen Lebens. Von diesen rein jüdischen Belangen sind seine Predigten fast ganz beherrscht. Gemeindegemäß predigen bedeutet ihm nicht, zu sagen, was der oder jener Kreis seiner Hörer nötig hat, sondern das zu sagen, was die jüdische Gemeinschaft braucht, um ihren hohen Aufgaben zu genügen. Soll nach ihm jede Predigt eine־ Gelegenheitsrede sein, so doch nur in dem Sinne, daß sie aus lebendiger von der Gemeinde gefühlter Veranlassung hervorgeht, daß sie keine Deklamation über ein selbstgewähltes Thema sei, sondern ihr Stoff aus dem Leben und dem Kultus der Gemeinde hervorgehe3. Als Joel in Breslau predigte, hatte die Synagogenrede bereits die kritiklose Nachahmung christlicher Muster überwunden. Die Zeit war vorüber, wo die Predigt sich begnügte, allgemeine Ethik und die blassen Gedanken einer Allerweltsreligion zu geben, ohne jüdische 1 VergJ. Vorwort zu Nachlaßpredigten I, S. 9, 2 Nachlaßpredigten I, S. 29—31. 3 Vergl. Ecksteins Veröffentlichung über Verteilung des homiletischen Stoffes nach Joels Vorlesungen in Monatsschrift, Jahrgang 60, S. 82.

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