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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 5 · p. Seite 348

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 5
Article
Manuel Joels Bedeutung für die jüdische Predigt
Date
1926-01-01
Page
Seite 348 (sequence 2)
Language
German
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348 ,,Die Lehren, die er von der Kanzel predigte, waren das Spiegelbild eines Geistes, der auf den Höhen der Erkenntnis stand, und überzeugten deshalb gerade in erster Reihe diejenigen, welche für die Wahrheiten der Religion nur auf dem Wege des Denkens zu gewinnen waren/‘1 Die Kraft seines Wortes ruhte vor allem in der Schärfe und Klarheit seiner Gedanken, die ihm aus seiner wissenschaftlichen Forschung und aus seiner Versenkung ins Schrifttum zuflossen, oder die er seinem feinen Blicke für des Lebens Wirklichkeit zu verdanken hatte. Mit Recht führt Philipp Bloch2 die Frische und Urwüchsigkeit der Joelschen Predigten darauf zurück, daß er stets Selbst-Gedachtes und Selbst-Erlebtes gab. Alles ging bei ihm durch das Medium eigener geistiger Verarbeitung und trug so den Stempel eigener Persönlichkeit. Darum konnte er, so heimisch er in der philosophischen Gedankenwelt war, auch im edelsten Sinne volkstümlich reden und in anschaulichen Gleichniserzählungen, mit Einstreuung feingeschliffener Pointen, unmittelbar wirken. Um aber Joel als Prediger gerecht zu werden, muß man noch etwas genauer seine seelische Eigenart ergründen und die Zeit sich vergegenwärtigen, in der er in Breslau zuerst als Seminarprediger, dann als Gemeinderabbiner, als homiletischer Neuschöpfer auftrat und durch seine Wirksamkeit die jüdische Predigt einer höheren Entwicklung zuführte. Eine typische Gelehrtennatur, die nach Neigung und Begabung aufs Katheder gehörte, hatte in ihm die durch den Beruf ihm gewordene Aufgabe, die Andächtigen durch das Mittel der Rede zu erheben und zu belehren, mit der ihn auszeichnenden Genialität zu lösen versucht. Eine weite und tiefe Bildung konnte ihm Stoff und Gedanken in reicher Fülle zuführen. Von Jugend auf war er heimisch in Bibel und Talmud, spätere gründliche Schulung hat ihm in weitestem Ausmaße die Kunde der klassischen Schönheitswelt vermittelt, die er als Philologe in seine Seele aufgenommen. Ein spekulativer Kopf, war er in die griechische, jüdische und neuere Philosophie tief eingedrungen, so daß er denkerisch die Weltanschauungsfragen seiner Zeit mit gründlichster Sachkenntnis zu behandeln vermochte. Darum waltet bei Joel zumeist das Lehrhafte vor; er will nicht überreden, sondern überzeugen. Darum spricht er wohl in edler und schwungvoller Sprache, doch bleibt er einfach und schlicht. Aeußerer Aufputz wird beiseite gelassen. Es wird darauf verzichtet, die Predigt mit jenen wohlfeilen Redeblumen zu schmücken, die in jedem Garten wachsen. Phantasievolle Einwirkung auf die emotionale Sphäre der Seele, die hinreißende Leidenschaft des Erweckungspredigers, etwa im Stile Mannheimers oder Steins, findet man bei ihm selten. Wenn seine Worte dennoch so oft ans Herz greifen, so geschieht dies, weil sie aus einem Herzen kommen, das in Liebe und Begeisterung für die großen Ewigkeitsideale des Judentums erglüht und in teilnehmender Güte das Gesamterleben der Hörer begleitet. Sprach Sachs, dem J oel vielleicht manche Anregung auf dem Gebiete des Predigtwesens verdankte, wie ein begeisterter Prophet, so Joel 1 Vergl. Gedenkblätter zur Erinnerung an Manuel Joel, S. 15. 2 A. a. O. S. 64.

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