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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 5 · p. Seite 345

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 5
Article
Manuel Joel und die Kultusfrage
Date
1926-01-01
Page
Seite 345 (sequence 16)
Language
German
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345 merkwürdig, daß das Gegenteil davon merkwürdiger wäre. So trat die Kultusfrage aus dem Interessenkreise Joels als erledigt zurück und machte anderen Tagesfragen Platz, besonders der Verteidigung des Talmuds, die durch die Entwicklung der Stöckerschen Judenhetze notwendig wurde. Gelegentlich finden sich auch in diesen Joelschen Abwehrschriften kurze, aber wichtige Hinweise auf die Bedeutung des Talmuds und des Schulchan Aruch für die religiöse Praxis. ,,Wir stimmen.nicht ein in die Behauptung derer, welche den Talmud als bloße Antiquität bezeichnen, müssen im Gegenteil ihm nicht bloß geschichtliche, sondern eine noch gegenwärtig lebendige Bedeutung zuschreiben. Ohne Talmud wären wir ratlos in bezug auf Ritus und Zeremonie, er enthält ein ganzes Jahrtausend geschiehtlieber Entwickelung der jüdischen Religion und hat ein zweites Jahrtausend zu weiterer Entwickelung angeregt1. Die Bedeutung des Talmud für das Judentum der Gegenwart besteht prinzipaliter darin, daß er uns in Ritus.und Zeremonie die Tradition langer Jahrhunderte aufbewahrt hat. In manchem Sinne ist es daher wahr, daß er so wichtig ist wie die Schrift selbst2. Der schriftlichen Lehre steht ebenbürtig die mündliche gegenüber; ja weil diese lebendig ist und jene erst Leben empfängt durch den Geist, der sie lebendig macht, ist die mündliche Lehre die gar nicht abzuweisende Ergänzung der schriftlichen3. Darum aber mit Herrn Rohling zu sagen, daß uns alles im Talmud gleichwertig ist, ist nur einem auf diesem Gebiet absolut Unwissenden unmöglich4. Die hohe Bedeutung des Talmud für uns liegt in seiner Bewahrung der jüdischen Tradition und seiner Fortentwickelung unserer Religion auf biblischer Grundlage. Aber Unzähliges in ihm ist für uns nichts als interessante Antiquität. Seine moralischen Sentenzen benutzen wir gern, aber mit freiester Kritik!“5 Was den Schulchan Aruch anlangt, so ,,gelten seine Verfasser für die eigentliche und strengste Orthodoxie wie die Orakel“6. Joel selber steht anders zu ihm, ,,Auch ich würde mich so wenig vom Schulchan Aruch lossagen wie etwa von einem Lexikon oder einer Konkordanz, kurz, von allen den Hilfsmitteln, die mir das Aufsteigen zu den Quellen erleichtern. Ein anderes als ein solches Hilfsmittel ist er nicht, darf er sogar religionsgesetzlich nicht sein.“7 Die Sturmflut des Hasses, gegen die Joel so tapfer mit wissenschaftlicher Schärfe ankämpfte, aber auch seine Stellung zum Talmud, die getreu seiner ganzen Einstellung zur Vergangenheit jenen durchaus nicht als veraltet und unmaßgeblich ablehnte, verhinderten das Wiederaufleben der Synodalbewegung, das Moritz Lazarus sehnliehst wünschte. Bezeichnend dafür ist ein Schreiben Philippsons an A d 1 e r, das aus einem Briefwechsel zwischen ihnen und Lazarus hier wiedergegeben sei:8 1 Mein in Veranlassung eines Prozesses abgegebenes Gutachten über den Talmud in erweiterter Form herausgegeben, Breslau 18לל, S. 3. 2 Das. S. 11. 3 Das. S. 18. 4 Das. S. 19. 5 Das. S. 33. 6 Das. S. 10 Anm. 2. 7 Gegen Gildemeister, Breslau 1884, S. 8, mit Nachweisen aus Jad Ma־ leachi, Livorno 1767. 8 Im handschriftlichen Besitz des verstorbenen Herrn Leopold Rosenberg in Augsburg, eines Anverwandten Adlers.

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