Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Manuel Joel und die Kultusfrage
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 344 (sequence 15)
- Language
- German
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344 ob vom religiösen resp. rituellen Gesichtspunkt aus gegen die beabsichtigte Einrichtung der Abteilung J. und K. im Männerraum zu einem durch ein Drahtgitter abgeschlossenen Frauenraum Bedenken obwalten, erwiderte er: ,,Der Usus, Männer und Frauen in getrennten Räumen ihre Andacht verrichten zu lassen, geht auf Mischnah Succah V, 2 zurück. Dort wird gesagt: ,,Am Schluß des ersten Hüttenfest־ tages gingen die Lehrer (im Tempel zu Jerusalem) in die Frauenhalle und trafen daselbst eine wichtige Einrichtung“. Diese dunkle Notiz wird dann in der Gemara (Succah 51 b) auf gehellt und dahin erklärt: Anfangs hätten die Frauen den inneren Raum, die Männer den äußeren okkupiert, das habe Unzuträglichkeiten (Leichtfertigkeiten) ergeben. Darauf wurde die Platzverteilung umgekehrt, aber auch das habe sich nicht bewährt. Da habe man den Frauenraum oben, den Männerraum unten gemacht. Der Talmud hält diese Abänderung des Ursprünglichen so sehr für eine Reform, weil die Einrichtung eigentlich nach dem salomonischen Tempel hätte verbleiben sollen, daß er die Berechtigung zu einer solchen Umgestaltung aus einem Bibelvers zu gewinnen sucht. Genug, seit jener Zeit hat man nach Analogie des Tempels zu Jerusalem auch in Bethäusern die Trennung der Geschlechter durchgeführt und sie kann gewiß als eine angemessene, als ein ״Tickun gadol“, wie der Talmud sagt, angesehen werden. Dagegen hat man, wo der Raummangel es notwendig machte, keineswegs immer darauf bestanden, daß der Frauenraum höher liege. Vielmehr gibt es viele alte Synagogen, in denen der Frauenraum auf gleichem Niveau mit dem Männerraume liegt. So z. B. ist das in der alten Synagoge in Berlin der Fall. Nur hat man stets und mit vollem Recht um der Religion und um der Sittlichkeit willen dafür Sorge getragen, daß durch eine Trennung (Wand, Vorhang oder Gitter) die Kommunikation zwischen Männern und Frauen während des Gottesdienstes verhindert war. Unter Voraussetzung einer solchen Kautel, also der Anbringung einer sichtbaren Trennung durch ein Gitter, ist demnach die beabsichtigte Einrichtung religiös unbedenklich.“ Für Joel hatte die Kultusfrage nunmehr eine praktische Lösung gefunden, die seinen wissenschaftlichen Anschauungen entsprach und: ihn darum völlig befriedigte. Er erblickte durchaus nicht wie Geiger darin einen bloßen Abschlag an die Zukunft. Als er bei der Totenfeier für jenen in der Neuen Synagoge die Gedächtnisrede hielt, gab er unter stillem Bezug auf die diesbezügliche Verschiedenartigkeit ihrer Anschauungen dieser Befriedigung einen aus geschichtlicher Tiefe schöpfenden Ausdruck1. Keinem Menschen, so führte er aus, auch dem bedeutendsten nicht, sei es gegeben, voll und ganz in zwei Zeiten zu leben. Die Zeiten verändern sich ja nicht willkürlich, sondern natumotwendig. Sei es denn nicht Freude genug, daß so viele Blüten wirklich zur Reife und zur Frucht gediehen; sei es denn ein Kleines, daß heute über vieles gar nicht mehr gesprochen werde, worüber einst erbitterte Kämpfe geführt worden? Daß die Zeit auch manches zu Ehren gebracht, was damals in der berechtigten Hitze des Streites mit unter die Unfruchtbarkeiten geworfen worden, sei so wenig 1 Predigten ans dem Nachlaß, Bd. II, S. 292.