Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Manuel Joel und die Kultusfrage
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 343 (sequence 14)
- Language
- German
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343 gefügt, wo die Gegenwart die sie eigentümlich bewegenden Gefühle und Stimmungen zu ihrem .Ausdruck zu bringen hat. Neben der Sprache, die den Zusammenhang mit unseren Religionsquellen und mit unserer religiösen Gesamtheit lebendig macht, hat unsere Mutterspräche, die Sprache, in der wir denken und fühlen, überall da Äh- Wendung gefunden, wo wir als treue Söhne des Vaterlandes und ,als Kinder einer hochbedeutsamen Gegenwart uns wenden an unseren Vater im Himmel/' So sind auch hier wieder Dogma und Geschichte als Grundlagen des Kultus bezeichnet und Vergangenheit und Gegenwart in ihm zur Verschmelzung gebracht. Die Möglichkeit, die Berechtigung, ja sogar die Notwendigkeit solcher.. Verschmelzung hat Joel in einer seiner Predigten einmal auch stärker, von seiten der Gegenwart her erörtert, indem er. die Frage aufwirft1: ,,Gibt es; für eine Religion überhaupt eine neue ־ Zeit mit neuen Aufgaben und neuen Forderungen?“ Er stellt zunächst wieder fest, daß die jüdische Lehre Wurzelwahrheiten und Zweigwahrheiten besitzt, die durch keinen Wind, der über die Erde geht, entwurzelt werden können. Aber daß Veränderungen eingetreten sind, ist nicht zu bestreiten. ,,Geändert hat sich zunächst Dein. Verhältnis zur bürgerlichen Ge- Seilschaft, geändert haben sich die :Ansprüche, die man jetzt an uns stellt, und die man früher nicht/stellen konnte,: Das geknechtete Israel, es war zufrieden, wenn es zu seinem Gotte beten, wenn es ihm sein Leid klagen konnte. ,Der Schmerz fragt nicht sehr nach der Form, es genügt ihm, sich zu äußern. Heute haben wir kein Recht, nach der Form nicht zu fragen: Heute heißt es mehr als sonst: דבון לקראת אלהיך ישראל (Amos 4la) ״Bereite dich sorgfältig vor, deinem Gotte entgegen, ,Israel"! Wenn früher zur Zeit der Knechtschaft mit Geringschätzung von jüdischen Gotteshäusern. geredet wurde, so traf das diejenigen, die darüber spotteten. Wenn heute dasselbe der Fall ist, so trifft es uns.“ Diese Rücksicht auf die־ Form führte in der Neuen Synagoge auch zur Anwendung der Orgel, obwohl selbst Lehrer des Seminars, Gr aetz und Z..u ck e r m än-m, unter den Petenten an den Gemeindevorstand waren, welche von der Einführung derselben Abstand, genommen wissen wollten2. Für Joel war die Orgelfrage stets eine nebensächliche; sie erschien ihm schon darum minder wichtig; weil sie. nicht für die jüdische :Gesamtheit, sondern nur für einzelne Gotteshäuser von praktischer Bedeutung war, und er begnügte sich damit nachzuweisen, daß die Behauptung ihres christlichen Charakters eine irrige sei3. Eine andere, nebensächlichere Einzelheit, aus dem Gebiet der Kultusfragen sei nur deshalb hier erwähnt, weil sich, ein wissenschaffliches Gutachten Joels aus späterer Zeit darüber erhalten hat4. Auf die vom׳ Vorstand der Breslauer Gemeinde an ihn gerichtete Frage, 1 Das. Bd. I, Breslau 1892, S. 24. . 2 Eckstein, Die Entstehungsgeschichte des Joelschen Gebetbuches, S; 212. 3 Zur Orientierung in der. Cultusfrage, S.' 33 ff. ׳'׳־ ' ׳! /: 4 Acta des Vorstandes der Synagogen gemeinde, zu Breslau betr. Nßue Synagoge, Ritus usw., Vol. I, Nr. III . 34; . Gutachten vom, 9. August 1882. Ausführliches über diese Frage s. bei’Löw Leopold, Ges." Schriften, Bd. IV, Szegedin 1898, S. 72 ff: Brustwehr und Gitter der Frauengalerien und das. S. 55 ff. Frauenabteilung../ . '•;/. ׳