Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Manuel Joel und die Kultusfrage
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 340 (sequence 11)
- Language
- German
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340 an die ihm zusammen mit Philippson und Adler übertragene Bearbeitung der Kultusfragen für die Synode herangehen mußte. Nach der grundsätzlichen Stellungnahme in seinen beiden Schriften konnte die Behandlung der Einzel fragen keine Schwierigkeiten mehr machen. Joel erklärte auch später wieder ausdrücklich — bei den Verhandlungen über die Gestaltung des Gebetbuches für die Neue Synagoge —: ,,Prinzipielle Wichtigkeit hat nur eine Frage, das ist . die nationale, alles was sich auf Rückkehr nach Palästina, Opferdienst und politische Auffassung der messianischen Ideen bezieht. Hier stehe ich persönlich auf dem Standpunkt der Synodalbeschlüsse, an denen ich so gut wie Dr. Geiger mitgewirkt habe“.1 Auf eine Anfrage, ob er sich bei einer zu berufenden Synode beteiligen wolle, antwortete er zustimmend2 3, und er fand sich in der Tat zur Eröffnung derselben am 29. Juni 1869 in Leipzig ein. Dort traf er zum erstenmal nach der Fehde mit Geiger wieder persönlich mit diesem zusammen und mußte bald merken, daß dessen Anhänger schon im voraus den Versuch unternahmen, der Versammlung den Charakter des radikalen Vorgehens von Anfang an aufzuprägen8. So ist es wohl begreiflich, daß die aus dem Streit mit Geiger noch nicht ganz abgeebbte Erregung neue Nahrung fand und stärker, als es sonst Joels Art war, in die Erscheinung trat. In den geschriebenen Photographien aus der Synode, die ein Anonymus damals zeichnete, wird von Joel folgendes, sein Wesen trefflich charakterisierendes interessantes Bild entworfen:4 * ״Kein Streit ist gefährlicher, als der in Glaubenssachen, weil die wissenschaftliche Seite gewöhnlich sehr schnell überwunden ist, während die Erregtheit und Gereiztheit noch lange Zeit einen Widerhall findet. Joel, der Nachfolger Geigers in Breslau, noch in voller Manneskraft, glaubt den von seinem Vorganger bearbeiteten Boden bezüglich des Kultus ein wenig revidieren zu müssen und ist also mit dem Beginne seiner Stellung dem Geiger, wenn auch nicht entgegen, doch zu nahe getreten. Nach der Casseler Rabbinerversammlung wurden die Richtungen beider durch einige Schriften in kultureller Beziehung klar erkannt und gesondert. Dieser Kampf ist öffentlich durchgekämpft und der Zukunft ist es überlassen, darüber zu rechten; doch wie gesagt, die Gereiztheit, durch diesen Streit hervorgerufen, ist — geblieben. Selbst Joel, dieser ruhige Mann, der durch den Ernst der Wissenschaft sich durch Nichts irre machen läßt, hat diese menschliche Schwäche nicht überwinden können. Wir müssen das um so mehr beklagen, da die Joelschen Reden, sonst sehr durchdacht, bei der Synode aber eine gewisse Erregtheit durchblicken ließen, welche unangenehm berührt. Joel ist ein sehr begabter Mensch, mit einem gefälligen Aeußern und einer herzgewinnenden Freundlichkeit. Er versteht es namentlich, die schwie- 1 Eckstein, Die Entstehungsgeschichte des Joelschen Gebetbuches in MGWJ 63, Jahrg., 1919, S. 218. 2 In einem noch erhaltenen Briefe Joels an einen unbekannten Adressaten mit Ausführungen über die rabbinische Ordination. 3 Bericht Philippsons in A. Z. d. J. 1869, Nr. 30. 4 Geschriebene Photographien aus der ersten Israelitischen Synode in Leipzig, Berlin 1869, S. 25.