Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Manuel Joel und die Kultusfrage
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 338 (sequence 9)
- Language
- German
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338 Einstellung auf das Gegenwarts- und ־ Zukunftsbedürfnis . zur Zeit noch nicht־ durchführbar war. Das ist kein Standpunkt; die Vergangenheit läßt sich bekanntlich nirgends grundsätzlich einfach eliminieren, weder im Dasein des Individuums, noch-in dem Leben eines Volkes,: noch in der Entwicklung der Menschheit. . Joel widersetzte sich deshalb mit Recht auch ihrer Ausscheidungaus dem Kultus, ohne deswegen den Weg für die Zukunft zu sperren. Er vertrat ganz ebenso wie־ Geiger die Meinung, daß der Gedanke der persönlichen Rückkehr nach Jerusalem und: der Wiederaufrichtung des Opferdienstes nicht mehr zum Inhalt des jüdischen Kultus gehören dürfen; aber er konnte doch unmöglich an der Bedeutung Jerusalems und des Opferdienstes für die ehemalige Geschichte des Judentums vorübergehen und mit Geiger dem einen bloß eine politische Rolle, dem andern einen ausschließlich heidnischen Charakter zugestehen. Ganz ebenso stand es mit zwei anderen leidenschaftlich von Geiger verfochtenen Anschauungen, nämlich über die Alcedah und über die Auserwählung Israels. Ihm bedeutete die erstere nichts mehr als die Ausrottung des Molochdienstes und ihr Weiterschleppen im Gottesdienst eine Sinnlosigkeit, während die Betonung , der letzteren seit der Anerkennung und Ausbreitung des Monotheismus in der Welt, ihm als eine im Gebete nunmehr unangebrachte Ueberheblichkeit erschien. Joel hingegen erachtete das tiefe religiöse Moment der Opferwilligkeit Abrahams und die, unvergängliche historische Bedeutung der Auserwählung des jüdischen Volkes als mit dem Göttesdienst durchaus verträglich, ja sogar für das j üdis ehe Gepräge des Kultus als unentbehrlich. Seine Antwort: ,,Zum Schutz gegen T r.u t z“. Ei ne nötg e d r u ngene Er ganz u n g der S c h r i f t: Z u r O r i e n t i e r u-n g: in■ :der Cultusfra g e“ (Breslau 1869) wies sowohl, die persönlichen wie die sachlichen Angriffe Geigers zurück und lehnte insbesondere die Unterstellung ab, als ob er durch seine ״Halbheitstheologie“ oder ״Vermittlungstheologie“ ״d e.n. Anforderungen der Zeit zu entgehen suche, ohne sie geradezu, zu verleugnen“. In einem solchen ־Vorwurf lag allerdings. eine völlige Verkennung der Persönlichkeit wie der Wissenschaftlichkeit eines Joel. Er. erklärte ausdrücklich, er habe in. der ersten Schrift ■nur einen Weg ausfindig machen wollen, wie oh ne . V e r 1 e. u g n ung eines Prinzips, ohne Au f - g e b e.n ei ne r moder ne n Errungenschaft die Gewissen der Andersdenkenden nicht beunruhigt würden; eine Kultusreform sollte eine religiöse Tat, nicht jedoch eine schismatische Absonderung darstellen. ״Anforderungen, der Zeit“ heiße aber doch wohl Anforderungen der Zeitgenossen, da die ״Zeit“ nirgends ihre . Visitenkarte abgebe, um eigenmündig ihre Forderungen auszusprechen.. Wer spreche diese Forderungen ganz rein und mustergültig aus? ״Wenn es schon Despotismus war, zu sagen; letat, c'est, moi, ist es nicht noch despotischer zu behaupten; le temps, c’est moi?“. ’ . . Daß es für ihn selber solche berechtigte Z eit forderungen gab,. hatte er kurz, zuvor deutlich genug ausgesprochen. . Im März des Jahres 1868 beging die von Geiger seinerzeit begründete, nunmehr von . Joel geleitete Breslauer Religions-Unterrichts-Anstalt das Jubilaüm ihres* 25 jährigen Bestehens,; Joel: benutzte, diese Gelegenheit,