Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Manuel Joel und die Kultusfrage
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 337 (sequence 8)
- Language
- German
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337 Kultus abziehen und von ihr aus die Praxis beurteilen wollte, war ein neues Moment in den bisherigen Auseinandersetzungen und bot gegenüber dem ״Irrlichterieren“ in Spezialfragen, wie Joel es nannte, einen sicheren Boden für die kritische Stellungnahme zu den Einzelheiten, weil diese nunmehr dem geistreichen Einfall und der erfinderischen Phantasie entzogen wurden und mit dem Maßstab des gesetzmäßigen Schaffens gemessen werden konnten und mußten. Nach Joel ist Kultus im allgemeinen die feierliche Vorstellung des in einer G e s a m t h e i t lebenden Religiösen, also die Ausprägung einer Gemeinschaftsidee und darum nichts Willkürliches, sondern etwas Notwendiges, weil sich die gesamtheitliche Empfindung der Gemeinschaft in ihn ergießt und so nicht bloß das Gefühlsmäßige, sondern auch das dogmatische und geschichtliche Element der Gemeinschaft zum Ausdruck bringt. Glaübensvor- Stellungen und Religionsgeschichte beeinflussen somit den Kultus aufs allerstärkste. Kein Kultus kann bloß allgemein menschlich gehalten sein, er wird immer ein spezifisches Gemeinschaftsgepräge, hier also ein jüdisches Gepräge besitzen, der spezifische Inhalt schafft sich eben die spezifische Form. Unveränderlich an diesem Inhalt bleibt das Dogmatische einer Religion, das die Schaffung irgend eines Phantasiekultus von selbst verbietet. Da aber auch die Geschichte Einfluß auf den Kultus hat, so ist eine Reform wohl möglich und sie wird auch beim dogmatischen Teil das Geschichtliche absondern und nur das wertvollGrund^ sätzliche beibehalten. In dieser Beziehung gebe es nur zwei wirkliche Differenzpunkte, die für den jüdischen Kultus in Betracht kommen würden: die Bitte um die persönliche Rückkehr nach Jerusalem und diejenige um die Wiederaufrichtung des Opferdienstes. Hier sei eben das geschichtlich Wertvolle — die Vergangenheit — festzuhalten und von der jetzigen Auffassung über die Zukunft des Judentums zu trennen. Joels Abhandlung, welche für seine bereits dargelegte subjektive und objektive Wertschätzung der Vergangenheit eine wissenschaftliche Form suchte und bot, versetzte Geiger in größte Erregung; sie schien seine Befürchtungen zu bestätigen, er sah sein Lebens werk in Breslau nun ganz gewiß gefährdet. Seine Entgegnung: ״Etwas über Glauben und Beten. Zu Schutz und Trut z“1 war in der Form, was er übrigens selber fühlte, maßlos aggressiv, ja sogar lieblos gegen eine Persönlichkeit wie Joel, die schon damals in Breslau nicht bloß, sondern auch in der gesamten theologischen Welt sich größter Wertschätzung erfreute. Die sachliche Kritik war vielfach berechtigt, besonders da, wo er auf die Unmöglichkeit der Festlegung dogmatischer Grenzlinien hinwies. Aber hinsichtlich der Grundsätze, um die der Kampf ging, kann eine objektiv wissenschaftliche Betrachtung sich nicht auf die Seite Geigers stellen. Für Geiger war eben die Vergangenheit erledigt; er machte nur darum noch Konzessionen an sie, weil der Idealzustand ihrer völligen Ausscheidung aus dem Kultus und dessen 1 Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben, 7. Jahrg., 1869, S. 1 ff., auch als Sonderschrift Breslau 1869 erschienen. Monatsschrift, 70. Jahrgang. 22