Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Manuel Joel und die Kultusfrage
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 334 (sequence 5)
- Language
- German
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334 versicherte ausdrücklich, daß diese Versammlung keineswegs die unmittelbare Erbschaft jener ersteren antrete und weder die Sympathien noch die Antipathien der früheren beanspruche. Sie sei ausschließlich zum Zweck der gottesdienstlichen Frage, der Gestaltung des öffentlichen Gottesdienstes berufen und werde ihre Ansichten darüber einfach zum Ausdruck bringen und sie der gesamten Glaubens־ genossenschaft und der Zeit übergeben. In weiser Voraussicht erklärte er: auf Streitigkeiten werde sie sich als Rabbinerversammlung nicht einlassen; sie lege niemanden, selbst nicht ihren eigenen Teilnehmern eine Verpflichtung auf, den letzteren nur eine moralische, soweit sie zu den Beschlüssen ihre Zustimmung geben würden. Die Notwendigkeit einer solchen Versammlung begründete Philippson mit dem aus dem Leben selbst jetzt entspringenden Bedürfnis. Alle Welt möchte aus dem Chaos herauskommen, in welches die jüdischen Angelegenheiten versunken seien, aus der Zerfahrenheit und Gestalt־ losigkeit, in die sie sich zersetzt hätten. Die Schuld an diesem trau־ rigen Zustand führt er auf innere und äußere Momente zurück; innerhalb des Judentums auf die Einwirkung der vielen neuen Bildungselemente und des bis zum Extrem eingerissenen Indi־ vidualitätsprinzips, beides die natürliche Reaktion auf die Bildungs־ losigkeit und Unfreiheit im religiösen System des mittelalterlichen Judentums, von außen her aber auf die Nachwehen des Jahres 1848, dessen politische Folgen jedes andere Interesse verschlungen hätten, auf die Friedensliebe der Gemeinden, die nach den durch die Reform־ bewegung hervorgerufenen Richtungsstreitigkeiten wohl begreiflich war, aber allmählich zu völliger Erschlaffung und Gleichgültigkeit führte, endlich auf die reaktionäre Haltung der Regierungen den jüdischen Gemeinden gegenüber, denen jene weder politische noch religiöse Veränderungen zugestehen wollten. Die Zeitumstände forderten aber jetzt eine Neubelebung und Symptome aller Art ließen auf ein lebhafter werdendes Interesse schließen, das nur Anregung erhalten müsse, um die Entwicklung wieder in Fluß zu bringen. Die Rabbinerversammlung brauche und könne gar nichts Neues schaffen; was sie produzieren werde, bestehe längst, sie wolle nur die einzelnen Strahlen sammeln und ein Zentrum für die Radien abgeben. Darüber, daß eine Umgestaltung des öffentlichen Gottesdienstes dem Geiste und der Geschichte des Judentums durchaus nicht widerspricht, lasse sich gar nicht mehr streiten. Es handle sich nur um die praktische Verwirklichung, um die Notwendigkeit, den Öffentlichen Gottesdienst mit etwas schnelleren Schritten den Forderungen der Zeit, namentlich den Bedürfnissen der Jugend, wie sie jetzt erzogen werde, genügend zu gestalten und den Gefahren zu begegnen, welche aus der Unterlassung dieses wichtigsten Momentes des Gemeinde־ lebens entspringen würden, ja zum größten Teil schon vorhanden seien. Philippsons eindringliche Mahnungen richteten sich zunächst an die Rabbiner als die Berufensten zur Besserung der gefährlichen Lage und riefen zu gemeinschaftlichen Schritten auf; die Isolierung, in der so viele Rabbiner ständen und oft sogar aus Autoritätsdünkel oder aus Rücksichten äußerer Art stehen wollten, müsse auf־ hören, der Vereinzelung müsse als einzig wirksames Mittel die Vereinigung gegenüber gestellt werden, die allein Nachdruck