Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Jüdische Weltanschauung im Geistesspiegel M. Joels
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 330 (sequence 7)
- Language
- German
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330 auch die Grundlage des wahren Menschentums1. Aber sowenig es eine Blume oder einen Menschen im allgemeinen geben kann, sowenig eine Religion im allgemeinen. Das Judentum ist eine positive Religion und als solche hat sie auch gewisse Dogmen, die zwar zu keiner Zeit zu einer von allen als endgültig anerkannten Fixierung gelangten, die aber als wesentliche Glaubensforderungen niemals auch nur in Frage gestellt wurden. ״So nicht bloß die monotheistische Vorstellung von der Gottheit, sondern auch die Tatsache der Prophetie und der Offenbarung“/wenn auch in Bezug auf ihre Auffassung die verschiedenen Denker verschieden geurteilt haben2. Als positive Religion kann das Judentum bei aller Geistigkeit die sog. Zeremonien als Mittel zur Pflege der Gesinnung und ihrer Verwirklichung im Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft nicht entbehren. Wie die Schneedecke im Winter die Felder schützt und erwärmt, so haben die zahlreichen Gebräuche und Uebungen in frostigen Zeiten das Geistesleben in IsraeLgeschützt und es bewirkt, daß die tiefer liegenden Gedanken wieder ans Tageslicht kamen, als die Frühlingssonne einer besseren Zeit sie belebte3. Wir schließen diesen Versuch einer Systematisierung der Gedanken und Ansichten Joels über jüd. Weltanschauung mit einer persönlichen Erinnerung. Als er einmal gefragt wurde, ob er nicht ein Lehrbuch der Religion verfassen wolle, antwortete er: ״meine Schriften und Predigten sind mein Lehrbuch der Religion/' — Wir glauben nun hinzufügen zu dürfen: quocl erat demonstrandum! Manuel Joel und die Kultusfrage. Von Dr. Max Freudenthal in Nürnberg. In dem reizvollen Lebensbild, das Manuel Joel von R. S i m o n ben Jocliai entworfen hat, weist er darauf hin, daß zur Beurteilung einer Persönlichkeit ein Doppeltes gehört: das Verständnis für ihre Individualität, aber auch die Kenntnis der Verhältnisse, aus denen sie herausgewachsen ist. ,,Allgemein Menschliches erscheint nirgends ohne die bestimmte Ausprägung, die ihm die besonderen Verhältnisse der zu begreifenden Individualität gegeben haben. Die nach geschichtlicher Erkenntnis ringende Zeit ist sich dessen bewußt, daß sie zur richtigen Würdigung einer großen Persönlichkeit eines Schlüssels bedarf, der ... in dem Stück der Vergangenheit zu suchen ist, in welches die Tätigkeit des zu 1 Daselbst, S. 89, vgl. Predigten aus dem Nachlaß II, S. 194. 2 Zur Orientierung in der Kultusfrage, S. 10—11. Zum Schutz gegen Trutz, S. 10 ff. Ueber die Dogmenfrage vgl. Baecks Aufsatz oben S. 229 dieses Jahrgangs. Ueber Offenbarung vgl. Festpredigten 1867, S. 90. Auffallend ist, daß die Lehre von der Unsterblichkeit, für die daselbst S. 215 und in Predigten aus dem Nachlaß II, S. 156 mit Gefühlsgründen argumentiert wird, als gleichfalls wesentliche Glaubensvorstellung des Judentums nicht auch unfcer den Dogmen hervorgehoben wird. 3 Am zuletzt a. 0. I S. 48, II S. 67 und III S. 235 ff.-