Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Jüdische Weltanschauung im Geistesspiegel M. Joels
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 329 (sequence 6)
- Language
- German
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wirkliche Sache bezeichnen. Die Menschen reden auch von einer Nemesis,.an deren Walten sie glauben: aber ist es denn vernünftiger an eine heidnische Göttin zu glauben, als an die göttliche Vernunft?1 Der Gott, an dessen Mitwirkung bei allem Geschehen wir glauben, ist ,,eine Forderung der vernünftigen und moralischen Natur des Menschen/‘ Das M o r a lgeset z, das der Mensch als geistgewordene Fortsetzung des Weltgesetzes in sich selbst entdeckt, es ist ein , ,Uebernatürliches ‘ ‘, das nicht durch Rücksicht auf das Nützliehe motiviert oder ersetzt werden kann, oder der Lichtpfad, den Gott vom Natürlichen •zum Uebernatürlichen mitten durch das menschliche Herz gezogen2. Im Lichte des jüd. Einheitsgedankens kann es kein wurzelhaft Böses in der menschlichen Natur geben, sondern das Gerede von einem ,,bösen Triebe“ ist nur eine sprachliche Erlaubnis, die wir uns nehmen, um die Erscheinung des Bösen in der Welt auf einen anschaulichen Ausdruck zu bringen. Es ist auch keine dämonische Macht , sondern nur der falsche Gebrauch, den wir von einem an sich guten Triebe machen, oder ein Mißbrauch der uns in sittlicher Beziehung verliehenen Freiheit3. Diese Freiheit ist keine unbedingte, absolute. Denn der Umstand, daß dem Menschen das ganze All gegenübersteht, das mit dem erdrückenden Gewichte seiner Wirkungen auf ihm lastet, macht ihn unfrei. ,,Nur in dem Einssein und in dem Sicheinsfühlen mit dem Wesen aller Wesen liegt unsere Macht und unsere Freiheit.“ J. nennt die Freiheit des menschlichen Willens, die Tatsache, daß die Allmacht sich von einem Punkte zurückgezogen, ein Wunder, das wir nur darum nicht anstaunen, weil wir daran gewöhnt sind4. Nun meint man: Religion und Moral müßten als unabhängig von einander geschieden bleiben, weil clie Tugend keinen anderen Zweck haben könne als sich selbst und nicht mit Rücksicht auf Lohn und Strafe geübt werden dürfe. Die Erhabenheit einer solchen Auffassung in der Theorie wird zugegeben, wie aber in der Praxis? WTären die Menschen engelgleich frei von jeder selbstsüchtigen Regung, so bedürfte es für ihr sittliches Handeln keiner religiösen Unterlage. Aber es schreckt der Mensch, so er nicht fürchtet. Ein Mensch ohne Religion ist ein gefährlicher Nachbar5. Wenn wir nun schließlich fragen: Was ist das W e s e 11 des Judentums? so kann geantwortet werden, daß es schriftgemäß nichts weiter sein sollte, als die Erfüllung und Inslebensetzung der ursprünglichen Anlage des Menschen zur Religion, d. i. zum echtenMenschentum, auf dessen Grunde die sinaitische Lehre als ein für die Ewigkeit gefügtes Gebäude sich erhob. Die Grundlage des Israelitentums ist 1 Daselbst I, S. 130, II, S. 10. 2 Daselbst I, S. 198 und Festpredigten v. J. 1867. ■S. 179. Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß J., der die Konstanz der Naturgesetze betont, die Gott nur in seine Dienste nimmt, um seine Zwecke zu erreichen, das ,,Uebernatürliche“ in der Bedeutung von übersinn■ lr c 11 verstanden hat. Vgl. Der Mosaismus und das Heidentum, S. 70 ff. . 3 Predigten I, S. 260—261. 4 Daselbst, S. 12, 174 und 184. Das Wunder ist gleichfalls I 1111 e r 11 a l b der Naturgesetze zu verstehen. 5 Festpredigten v. J. 1867, S. 59—60.