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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 5 · p. Seite 327

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 5
Article
Jüdische Weltanschauung im Geistesspiegel M. Joels
Date
1926-01-01
Page
Seite 327 (sequence 4)
Language
German
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327 am Ziele zu Gott führen, dem Gewissesten, was es gibt, und der Gottesleugner leugnet eigentlich nichts anderes als eine Vokabel. Aber der Forscher, der sich im Endlichen nach allen Seiten ergeht, erhält auf seine Fragen dieselbe Antwort wie einst Mose : ״Du kannst mir nicht ins Angesicht schauen. ‘V Wer Gott auf dem Wege einer Verstandsoperation erschließt, der hat der Wahrheit nicht ins Angesicht geblickt1. Ferner wird dem Gottesglauben, der keine andere Evidenz hat als die auf einem Beweise des reflektierenden Verstandes beruhende, die nötige Brauchbarkeit, weil die Innigkeit und Ueberzeugtheit, fehlen. Anders die blitzartige Ergriffenheit im Gemüte. ״Im Denken Gottes sind wir von ihm getrennt, im Fühlen sind wir mit ihm vereint/‘ Joel nennt diesen Vorgang der unvermittelten Offenbarung ein ״Denken des Herzens"f und erklärt einmal mit einem besonders glücldichen Ausdruck, daß der Glaube nur das ins Herz gegangene und dort aufbew^ahrte Resultat des Denkens sei‘"2. Was im Herzen wurzelt, das wurzelt in seinem Naturgrunde. Vom Gemüte geht auch das stärkste Motiv des Wollens aus. Religion ist nicht Ausstrahlung einer einzelnen Geistesregung, sondern der Gedanke wird Gefühl und das Gefühl wird Wille, der Wille zum Guten in Uebereinstimmung mit dem göttlichen Willen, und so entsteht Religion in ihrer Totalität3. Das sind die theoretischen Grundlinien, auf denen J. das Judentum als Weltanschauung aufbaute. Hier aber stellt sich die Frage ein: Hat nicht Kant selbst, besonders in der ״Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ Aeußerungen über das Judentum getan, die dasselbe als Religion disqualifizieren und vor ihm die Eingangspforte seiner Gedankenwelt verschließen? Darauf hat Joel geantwortet: ״Kants (ungeschichtliche) Aeußerungen über Judentum beanspruchen gar keinen selbständigen Wissenschaftliehen Wert, sie haben nur den praktischen Zweck, ihm die Mittel zu liefern, seine Philosophie mit der eigenen Religion, der christlichen, auszugleichen/"4 Und wie berechtigt diese Unter- Stellung ist, beweist die Tatsache, daß K. geradezu als ״Philosoph des Protestantismus“ (von J. Kaftan, Paulsen u. a.) reklamiert wurde. Demgegenüber will J. zeigen, daß die aus dem Kantischen System sich ergebenden Grundgedanken die festesten Stützpunkte und Tragbalken des Judentums zu sein geeignet sind5 6. Als das wichtigste Charakteristikum des J udentums, durch welches es sich vom Heidentum abhob, bezeichnet man gewohnlich seine Lehre von der Einzigkeit Gottes. Aber das ist nicht genau. Denn der heiligste Name, mit dem das Judentum das Göttliche anzudeuten versuchte, drückt seine Ewigkeit (Absolutheit), nicht seine Einzigkeit aus: ehje ascher ehje d. i. das absolute Sein, und die 1 Predigten aus dem Nachlaß I, S. 62. Vgl. dazu Zeitfragen, Abschnitt II, S. 24—25 und S. 74. 3 Beiträge zur Geschichte der Philosophie II. Ueber Saadias, S. 43. 3 Vgl. Predigten aus dem Nachlaß I, S. 54—55. 4 Zeitfragen, S. 65. Aehnlich urteilt Jul. Guttmann in seiner Schrift: Kant und das Judentum, S. 51. 6 Vgl. B. Ziemlich im Vorwort der von uns herausgegebenen Prc~ digten aus dem Nachlaß, S. XIV.

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