Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Joel als Seminarlehrer und seine Wahl zum Rabbiner in Breslau
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 323 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2829132-2829935-2829941-2833482--47052-2833545- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
323 Hinsichtlich verschiedener Kasualfälle, bei denen die Verbind״ lichkeit oder Nichtverbindlichkeit der talmudischen Ehegesetze in Frage kommt, glaubte Joel sich ganz positiver Erklärungen enthalten zu dürfen, weil sehr oft nach Beschaffenheit der einzelnen Fälle dabei Erwägungen moralischer Natur für den Rabbiner maßgebend sein müssen. Im allgemeinen aber sei er weit davon entfernt, die rabbinischen Zeremonialgesetze für unbedingt verbindlich und indispensabel zu halten. Auch die Gültigkeit einzelner mit der mosaischen Theokratie zusammenhängender biblischer Vorschriften, wie z. B. das Eheverbot zwischen einem Cohen und einer Geschiedenen, könne von dem Ergebnis einer wissenschaftlichen Feststellung des Begriffes Cohen abhängig gemacht werden1. Die Erklärung befriedigte und er wurde einstimmig gewählt2. In einer Zuschrift vom 2. Okt. 1863 erbat sich nun Joel vom Kuratorium des Seminars die Entlastung von seiner Lehrtätigkeit, indem er bemerkte: ״Ich brauche wohl kaum hinzuzufügen, wie schwer mir das Scheiden aus lieb gewordenen Verhältnissen und aus einer Anstalt wird, der ich nicht bloß aus Pflicht, sondern aus wahrer und aufrichtiger Neigung so viele Jahre angehört, und daß nur Rücksichten, die, wie ich zu meiner Beruhigung w^eiß, von Einem Wohllöblichen Curatio gebilligt werden, mich veranlassen konnten, eine meinem Herzen stets teuer bleibende Stellung aufzugeben“. Die Entlassung wurde gewährt. Mit welchen Empfindungen, das zeigt folgende Zuschrift des Kuratoriums: Es ist uns eine angenehme Pflichterfüllung, Ihnen, Hochgeehrter Herr Dr., in dem Augenblick Ihres Scheidens für die Treue und Hingebung, mit der Sie seit Eröffnung des jüd.-theolog. Seminars FraenckeFscher Stiftung an dieser Anstalt in Ihrer Lehrtätigkeit gewirkt haben, unseren wärmsten Dank auszusprechen. Vergegenwärtigen wir uns die segensreiche Bedeutung Ihres Wirkens, getragen und gefördert durch Ihre innige Harmonie, mit dem ehrwürdigen Direktor und Ihren Kollegen, sowie die Anhänglichkeit und Verehrung Ihrer gewiß dankbaren Schüler, so können wir den Verlust eines durch wissenschaftliche Tiefe ebenso, wie durch sittliche Reinheit ausgezeichneten Lehrers im Interesse des uns in seiner Förderung stets am Herzen liegenden Seminars nur von ganzem Herzen bedauern. Nur das*׳Bewußtsein, daß Sie berufen sind, nunmehr im Dienste der Gemeinde unserer Vaterstadt das heilige Wort Gottes zu verkünden,^ die Segnungen unserer heiligen Religion mit der Ihhen eigenen sittlichen Weihe in diesem weiteren Kreise zu verbreiten und Geist und Herz der heranwachsenden Jugend damit zu erfüllen, erhebt uns über den Schmerz, Ihrer Mitwirkung am Seminar foftan entbehren zu müssen. Wir hoffen aber und erwarten, daß Ihr Scheiden aus demselben nur ein äußerliches sein werde, daß Ihnen die Erinnerung an das Jüd.-theolog. Seminar lieb bleiben und daß Sie sich mit ihm auch in Zukunft geistig verbunden fühlen werden. 1 Aus Akten der Synagogengemeinde Breslau (Joel Nr. I G. 1. 11“). 2 Die Amtseinführung fand am 6. Januar 1864 statt, die Antrittspredigt wurde am 9. Januar gehalten. 21•