Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Joel als Seminarlehrer und seine Wahl zum Rabbiner in Breslau
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 322 (sequence 3)
- Language
- German
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322 Darstellung und Lehre der jud. Glaubensgrundsätze und ihres inneren Kernes und Gehaltes im Lichte einer philosophischen Anschauung und im Einklang mit dem gebildeten Zeitbewußtsein. — In einer Stadt wie Breslau, welche einesteils als Sitz bedeutender Intelligenz und wissenschaftlicher Bestrebungen die Jugend fortwährend in der Strömung des geistigen Fortschritts erhalte, andemteils aber auch dieselbe den Gefahren eines über alle Prinzipien der Religion und der Moralität sich hinwegsetzenden Materialismus nahe bringe, könne man die Religion in den Gemütern nur dadurch befestigen, daß ihre Ueberzeugungen auf dem Grunde einer gedankenmäßigen Erkenntnis und nicht im Widerspruch mit den wissenschaftlichen Wahrheiten entwickelt werden. Auch in anderer Beziehung fordere die jetzige Zeit dazu auf, das Hauptgewicht der rabbinischen Wirksamkeit auf die positive Seite zu legen, ohne indessen den Kampf gegenüber überwundenen Formen des religiösen Lebens ganz beiseite zu setzen. Sehr vieles, was noch vor 20 Jahren als eine reale Macht dem religiösen Fortschritt im Wege stand und gegen welches daher die Reform mit Entschiedenheit negierend auftreten mußte, ist heutzutage aus der Uebung und aus dem Bewußtsein dergestalt entschwunden, daß eine ausdrückliche Negation derselben überflüssig erscheint. Der Kampf gegen viele frühere Hindernisse des religiösen Fortschritts sei geradezu gegenstandslos geworden; die Schalen und Hülsen seien von der Gewalt des Lebens gesprengt und es sei an der Zeit, nunmehr Vorzugsweise den Kern in fruchtbringender Weise in die Gemüter zu verpflanzen. In Bezug auf den öffentlichen Kultus befinde er sich im Prinzip mit der religiösen Richtung, welche die Gemeinde unter Geigers Leitung in den letzten Jahren verfolgte, in voller Uebereinstimmung. Die gemäßigte Reform und der besonnene Fortschritt sei auch seine Einstellung in theoretischer und praktischer Beziehung. Das Maß der Reform aber erblicke er in den Grenzen des positi ven Judentums, wie es sich geschichtlich entwickelt. Innerhalb dieser Grenzen sei jeder Fortschritt berechtigt, sofern er auf einer verbreiteten Ueberzeugung und Billigung seitens der Gemeinde beruhe und den Zusammenhang auch mit dem noch weiter zurückgebliebenen Teil der Glaubensgenossen nicht gewaltsam durchreiße. Es müsse in gewissem Sinne bei den Reformen auch die Rücksicht maßgebend sein, daß die Gemüter nicht verletzt und die minder Fortgeschrittenen der Sache der Reform nicht durch Mißtrauen entfremdet werden. Beim Religionsunterricht werde er es vermeiden, in den Gemütern der Jugend einen Konflikt zwischen der ihr gebotenen Belehrung und den im elterlichen Hause gebotenen Anschauungen hervorzurufen. Auf eine in Bezug auf das sog. Messiasdogma an ihn gerichtete Anfrage erklärte Joel, daß er im Religionsunterricht ausschließlich nur die messianische Idee in ihrer Allgemeinheit ohne Hervorhebung, aber auch ohne direkte Negierung des persönliehen Messias lehren werde. Die mit der Messiaslehre in Verbindung stehende Idee der national-politischen Restauration des Judentums soll gänzlich außer dem Bereich der Erörterung in der Schule bleiben.