Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Rabbiner Dr. Manuel Joel zu seinem hundertjährigen Geburtstage
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 314 (sequence 10)
- Language
- German
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314 ״Das Geheimnis einer großen Natur“, so hat er selbst einen Großen in Israels Vergangenheit zu ergründen versucht, ,,liegt in der Vereinigung von scheinbar einander ausschließenden Gegensätzen. Das einseitig Große tritt in die Erscheinung als Virtuosität und erregt weit eher Verwunderung, als jene zugleich demütigende und zugleich erhebende, darum sittlich fördernde Empfindung, die wir Bewunderung nennen. Erst wo das nach der gewöhnlichen Erfahrung Getrennte, nur in einer Summe von Individuen Anzutreffende durch die Macht einer hervorragenden Individualität in unbegreiflicher, und doch wieder in organischer Weise vereinigt auftritt, fühlen wir uns von dem Zauberhauche des trotz seiner Unbegreiflichkeit Klassischen, trotz seiner Rätselhaftigkeit vom Gefühl Begriffenen wunderbar angeweht. Der Mann, dessen Lebensbild wir im Folgenden unsern Lesern zu entwerfen beabsichtigen, war eben einer jener seltenen Menschen, deren Geist und Charakter, ohne den geringsten Widerspruch zu enthalten, dennoch die entlegensten Gegensätze umspannt“1. Solch ein Mann war Joel selbst. Eine Persönlichkeit, in der keine Zwiespältigkeit war. ,,Rien 11' empeche tant d'etre naturel que l'envie de le paraitre,“ sagt Rochefoucauld2. Abhold allem Schein, fern von Eitelkeit, war er in seiner Schlichtheit und Natürlichkeit ein lebendiger Protest gegen alles Gemachte, Gespreizte״ Zurechtgelegte. Feind jeder Pose war er aller steifen Amtswürde, alles salbungsvollen Pathos' bar. Immer und überall war er derselbe, ob er auf der Kanzel stand oder auf dem Katheder, ob er in Sitzungen beriet, oder in alltäglichem Umgang heiteres Gespräch pflog. In ihn! verband sich das Starke und das Zarte, Kraft und Milde, Weisheit und Güte, Würde und Anmut, Bescheidenheit und Selbstbewußtsein, der tiefe sittliche Ernst und der sonnige Frohsinn, der wie ein heller Strahl aus seinen Augen leuchtete. Er war einer der herrlich Gefügten, deren Lebenslinie aufrecht emporsteigt aus einer ungebrochenen Seele. Voll Beweglichkeit des Geistes und übersprudelnden Temperamentes war er von stiller Gelassenheit. Voll munterer Laune und stets bereiten, schlagfertigen, treffsicheren Witzes war er von gehaltener Form, zartfühlend, begabt mit einem bewundernswerten Takte, der, aus tiefster Menschenkenntnis entsprungen, die möglichen Wirkungen jedes Wortes intuitiv herausfühlt. Voll bezwingender Liebenswürdigkeit und Mitteilsamkeit war er von würdevoller Zurückhaltung und Vornehmheit. Ein abgesagter Feind aller Romantik und Mystik war er erfüllt von schlichter Frömmigkeit, von jener Ehrfurcht, die den vornehmsten Typus des Menschengeschlechts darstellt. Die kritische Exaktheit des gewissenhaften Forschers verschwisterte sich in ihm mit der warmen Ergriffenheit des glaubensstarken Apologeten, die gereifte Weisheit des Philosophen mit dem harmlosen Gemüte eines Kindes. Der Adel einer reinen Seele strahlte aus seinen edlen Zügen. Ein unabhängiger Charakter, voll Unantastbarkeit der Gesinnung, erfüllt von Pflichtbewußtsein, das nie etwas aus sich machte, nie 1 Rabbi Meir, eine biographische Skizze von Dr. M. Joöl, in Frankels Monatsschrift, IV, Seite 88 f. Vergl. Joels Rede an der Bfthre Z. Frankels in Predigten aus dem Nachlaß II, Seite 296, wo derselbe Gedanke auftritt. 2 Maximes Nr. 453.