Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Rabbiner Dr. Manuel Joel zu seinem hundertjährigen Geburtstage
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 315 (sequence 11)
- Language
- German
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315 um Beifall buhlte, unermüdlich in der Arbeit, tapfer im Kampf um die Ehre seines Glaubens, ein Mann weitesten Horizontes, dem nichts Menschliches fremd war, und der dennoch ein Jude war voll edlen Stolzes und begeisterter Hingabe, hat Joel mehr noch durch seine Persönlichkeit als durch seine hinterlassenen Werke segensvoll und fruchtbar als Vorbild und Sämann für die Ehre und Anerkennung des Judentums gewirkt. In Breslau blieb Joel, an den zweimal der Ruf nach Berlin ergangen war, bis zu seinem Tode, der ihn am. 3. November 1890 von einem schweren Herzleiden erlöste. Verehrt und geliebt von seiner Gemeinde, bewundert von seinen Schülern — und wer, der seine Reden gehört und in seine Werke sich vertieft hat, würde sich nicht seinen Schüler nennen! — als Führer um Haupteslänge über seine Genossen ragend, die ihn neidlos als ihren Meister anerkannten, so steht sein Bild verklärt vor unserm Auge. * * Liebe und Verehrung haben mir bei meinem schwachen Versuch, den Meister für die Nachwelt festzuhalten, die Feder geführt. Ich schätze mich glücklich, dem Manne, der mich in meinen Werdejahren seiner Freundschaft gewürdigt, den ich wie einen Vater geliebt und dem ich ein großes Stück meiner geistigen Entwicklung zu verdanken habe, ein Denkmal dankbarer Erinnerung haben widmen zu können. Erinnerungen an Manuel Joel. Von Karl Joel in Basel. Es sei einem Neffen von Manuel Joel, mit dem er sich mehr persönlich als fachlich verbunden fühlt, gestattet, den für diese Gedenkschrift gewünschten Beitrag in der freien Form von Erinnerungen, in der Sommerfrische ohne literarische Hilfsmittel, niederzuschreiben. Sehen doch auch meine frühesten und häufigen Kindheitserinnerungen ihn selber im gemeinsamen Sommeraufenthalt, auf Besuchen im heimischen Riesengebirge, auf Spaziergängen — lange bevor ich ihn auf der Kanzel der großen Breslauer Synagoge erblickte, im gefüllten Gange neben lauschenden Seminaristen stehend, oder bevor ich täglich in seinem Hause einkehrend es als Verkehrs- Zentrum jüdischer Intelligenz kennen lernen durfte. Haus verkehr und fast noch mehr der Spaziergang, auf dem dieser sokratische und peripatetische Geist gern die Fülle seiner Einfälle ausstreute, gehörten zu seinem Lebensbedürfnis; denn die geistige Entfaltung war ihm ein natürlicher Prozeß ohne alle künstliche Aufmachung. Als fruchtbarer Kopf im Gespräch schon lange geschätzt, ließ er sich erst von Frankel, über dessen Zutrauen staunend, zur literarischen Produktion drängen, in der er doch wie im Reden ein Meister werden sollte. Aber noch höre ich ihn sagen: nur in unreifen Jahren suche man sich wohl im Reden und Schreiben zu steigern, später gebe man sich darin, wie man sei. Fast schien es bisweilen, als ließe er sich vom gegebenen Moment tragen. Die Routine lasse