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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 5 · p. Seite 313

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 5
Article
Rabbiner Dr. Manuel Joel zu seinem hundertjährigen Geburtstage
Date
1926-01-01
Page
Seite 313 (sequence 9)
Language
German
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313 In seinen Predigten und Vorträgen schuf Joel einen neuen Stil. Von seiner rednerischen Wirksamkeit auf der Kanzel des jüdischtheologischen Seminars her war er gewohnt, sich an die Gebildeteten unter seinen Hörern zu wenden. Davon wich er auch auf der größeren Kanzel der Neuen Synagoge in Breslau nicht ab. ,,Wir wissen es alle, wie viel Einfluß die Haltung des Gebildeten, sein Urteil uncl die Meinung, die er ausspricht, auf gewöhnliche Leute hat1. Hüten wir uns darum, so zu sprechen, daß der Gebildete leer ausgeht, daß er sich für berechtigt hält, geringschätzig über den Wert einer Predigt abzuurteilen. In letzter Instanz trifft das die Religion selbst/'2 ,,Dabei werden wir selbstverständlich mit allen Mitteln, die uns Gott verliehen, danach ringen, auch dem gewöhnlichen Manne faßlich und deutlich zu werden. Das Beste sagen und dieses Beste dennoch so sagen, daß nicht bloß die Besten es verstehen, das wäre der Höhepunkt der Popularität/"3 An die Gebildeten wendet er sich, um sie zu überzeugen, um Gedanken und Gesinnungen, Willen uncl Tat dem Gotteswort untertan zu machen4. Er wußte, daß dies kein Geschlecht sei, das man mit leerem Stroh füttern kann. Darum war in seinen Reden die tiefste Weisheit des Jahrhunderts und die letzte Reife des abgeklärten Weltwreisen. Den religiösen Genius des Judentums in die Begriffe einer modernen Zeit umzugießen, die ganze Tiefe der Schriftgedanken diesem Geschlechte lebendig zu machen, dem Unscheinbaren neue glänzende Seiten abzugewinnen, daß es in hellen Farben leuchtete, das war der neue Typ der Joelschen Predigt. Feind alles Salbungsvollen und bloß Rhetorischen, unfähig, eine inhaltslose Phrase über die Lippen zu bringen, nie trivial, voll Kernhaftigkeit und Gedrungenheit der Sprache, voll Anschaulichkeit, voll treffender Anspielungen, sinnreicher Vergleiche, packender, geistreicher, oft witziger Wendungen, mit der seltenen Fähigkeit begabt, jedem Thema die interessantesten, charakteristischsten Gedanken abzuhorchen und sie gedrängt, plastisch, schlagend, mit kristallner Klarheit und kraftvoller Bestimmtheit wiederzugeben, schuf Joel den neuen Stil der jüdischen Predigt. Der Gelehrte war es, der der Rede die Bedeutung, die seltene umfassende Geistesbildung war es, die ihr den Inhalt, der Takt und geläuterte Geschmack, der Geist und Scharfsinn war es, der ihr den Reiz gab. Viele suchten dem Meister nachzuahmen. Aber wo findet sich so leicht wieder Einer, in dem so viele Vorzüge sich zusammenfinden, um eine so einzigartige Persönlichkeit zu schaffen, wie Joel war? ג Bei einem unserer unvergeßlichen Sabbatnachmittag-Spaziergänge erzählte mir Joäl einmal in seiner launigen Art, wie er in Breslau zum Rabbiner gewählt wurde. In der ersten Reihe der Synagoge saß der hochgebildete Dr. L. und neben ihm ein bekannter ,,Killeruderer“, der ebenso rührig wie ungebildet war< Als Joel seine Gastpredigt beendet hatte, machte der Letztere eine geringschätzige Kopfbewegung und meinte: ,,Bah!“ Da stieß ihn Dr. L. in die Seite und rief: ,,Sie sind ein Schafskopf!4‘ Dieses ,,Schafskopf“ bewirkte, daß der Killeruderer in ganz Breslau herumlief mit der Parole: ,,Das ist unser Mann, so eine Predigt war noch nie dal“ 2 Joel, Festpredigten, 1867, Seite XII. * 3 ib. Seite X und XII. 4 Siehe Joel, Festpredigten (1867), Seite XIII f., wo Joel in einer ,,klassischen Homiletik in nuce“ die Wirkung auf den Willen für den Redner oirdert.

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