Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Rabbiner Dr. Manuel Joel zu seinem hundertjährigen Geburtstage
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 312 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829935-2829941-2833480--47037-2833534- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
312 klassischen Jahre, wo die religiösen Wahrheiten in originaler ,Werde•־ lust5 dem gotterfüllten Prophetengeiste sich entwinden, als die bestimmenden und maßgebenden annimmt. Vielmehr in der Stunde, wo die Orthodoxie erwacht, ist die religiöse Schöpferkraft erloschen. Das religiöse Leben erstarrt in Paragraphen, das Unformulierbare wird Formel. An Stelle der Gläubigkeit tritt die Rechtgläubigkeit/'1 Seine neue Aufgabe sieht Joel im Kampf gegen die verflachende empirische Richtung der Zeit, im Kampf gegen den Dünkel eines materialistisch eingestellten Geschlechts, im Kampf für die ewige Wahrheit der Religion, für die Ehre des Judentums. In Wissenschaft, Predigt, in Vorträgen und Flugschriften2 ist er der unermüdliche Streiter und Vorkämpfer voll Gedankenwucht, Schlagfertigkeit und zwingender Kraft der Logik. In seinen religionsphilosophischen und religionsgeschichtlichen Werken tritt immer mehr als treibendes Motiv aller seiner wissen■־ schaffliehen Untersuchungen die Willensrichtung hervor, das Judentum in die Gesamtheit der allgemeinen Kultur zu stellen, um ihm den ihm gebührenden Rang und die vorenthaltene Anerkennung zu gewinnen. Daß die jüdische Gedankenarbeit der großen spanischen Religionsphilosophen einen fruchtbaren Keim in der Entwicklung des menschlichen Denkens bedeutet, daß ,,sie geschichtlich fortschreitend, durch die Vertreibung aus Spanien wohl gebrochen, im Grunde jedoch bei Spinoza einmündet und durch ihn in den Strom moderner Gedankenrichtung sich ergießt “3, daß die Anfänge des Christentums ebensowenig ohne Aufdeckung der Beziehungen zum Judentum zu verstehen sind, wie die radikalen Maßnahmen und Bestimmungen der Tannaim ohne Einsicht in die Beziehungen zu Rom und zum jungen Christentum, die scharfsinnige und gelehrte Aufhellung dieser Tatsachen ist das große wissenschaftliche Verdienst Joels4, 1 Religiös-philosophische Zeitfragen, Seite 9f. Die obige Charakierisiening bezieht sich nicht speziell auf die jüdische Orthodoxie, überhaupt nicht äuf irgend eine gegenwärtige religiöse Parteirichtung, sondern auf Orthodoxie au sich. 2 Offener Brief an Prof. H. v. Treitschke 1899. — Mein aus Veranlassung eines Prozesses abgegebenes Gutachten über den Talmud, in erweiterter Form herausgegeben, 1899. — Zum Schutz gegen ,,Trutz“, eine notgedrungene Ergänzung der Schrift ,,Zur Orientierung in der Kultusfrage“ 1869. — Vor allem in diesen polemischen Schriften tritt die Eigenart, die Wucht, die spielende Ironie, der treffende Witz, der dialektische Scharfsinn des Joöl’schen Stils hervor, der fast an Lessing erinnert. 3 Siehe Gedenkblätter, Seite 68, und Geschichte des jüd.-theol. Seminars, Seite 88 f. Seine Schrift ,,Zur Genesis der Lehre Spinozas“ führt Joel mit den Worten ein: ,,Mit dieser Schrift entledige ich mich insofern einer Pflicht, als ich in früheren Abhandlungen von einem Zusammenhänge Spinozas mit jüdischen Religionsphilosophen in einer Weise geredet, die übertrieben gewesen wäre, wenn mir nicht noch weitere Belege zu Gebote gestanden hätten. Ich gehe sie im Folgenden.“ Das insbesondere von Kuno Fischer mit unzulänglichen Einwänden bestrittene Ergebnis Joelscher Forschung ist in den neuesten Biographien Spinozas zur Anerkennung gelangt. — Wie weit die ,Tendenz Joels geht, für die Ehre des Judentums eine Lanze einzulegen, beweist der im Lessing-Mendelssohn-Gedenkbuch S. 240—254 abgedruckte Aufsatz Joels: ,,Ein Wort gegen Lessing, zu Ehren Lessings“ (der, nebenbei bemerkt, in dem Brann’schen Verzeichnis, Gesch. d. jüd.-theol. Seminars, S. 129, fehlt). 4 Siehe Gedenkblätter, Seite 70. לי