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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 5 · p. Seite 311

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 5
Article
Rabbiner Dr. Manuel Joel zu seinem hundertjährigen Geburtstage
Date
1926-01-01
Page
Seite 311 (sequence 7)
Language
German
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311 So dachte, lehrte und wirkte Joel als Rabbiner der Breslauer Gemeinde, im Sinne der heute zum Sieg gelangten jüdischen Einheitsgemeinde, mit dem Erfolge, daß in der von religiösen Streitigkeiten zerklüfteten Gemeinde der Friede einzog und daß an der Bahre Joels der konservative Nachfolger Tiktins, Rabbiner Rosenthal, dem liberalen Kollegen die Worte nachrufen durfte: ,,Unvergessen seien ihm seine Verdienste um den Frieden unserer Gemeinde, in deren Mitte er im Geiste Ahrons eintrat, um die durch einen langen Parteienkampf Getrennten und Gespalteten zu versöhnen und zu vereinigen; unvergessen sein frommer, religiöser und historischer Sinn, denn er war im Grunde seines Herzens frommer, religiöser und auch konservativer, als die Extremen von Rechts und Links fürchteten oder erwarteten/*1 Liberal im Sinne der religiösen Weltanschauung, auf dem Standpunkt der historischen Entwicklung der Religion stehend, war Joel niemals Parteimann, nie in eine Schablone zu pressen. Mißtrauisch gegen alles Uebertriebene, Herausfordernde, Unduldsame, hörte er nie auf Schlagworte, sondern folgte dem Gesetz seiner eigenen harmonischen Natur. Niemals hat er aus kluger Vorsicht mit seiner Meinung zurückgehalten. Wo es darauf ankam, war er nicht ängstlich, sich zu seinem freien Standpunkt zu bekennen. Er kannte die verführerische Gefahr der bedingungslosen Hingabe an die dämonischen Mächte der Mystik und romantischen Gefühle. Darum warnt er: ,,So hoch wir auch das Gefühl der Pietät stellen, so sehr wir ja selbst von demselben uns leiten lassen, darf der Mensch seine ganze Lebensführung einem dunklen Drange überlassen, muß er nicht nach Klarheit und Wahrheit in seinem Denken und Tun ringen, wird es recht sein, wenn er aus Pietät Irrtümer gutheißt und falsche Vorstellungen zu, den seinigen macht? Muß da nicht eine Grenze gezogen werden, wo die Pietät auf hört?**2 Die Authenthie der Bibel war ihm so wenig ein Dogma wie die Verpflichtung zum Glauben an die Wundererzählung von Elia und Elisa3, die nicht endgültige Fixierung der Dogmen sieht er als ein Glück für das Judentum an, weil dadurch die freie Forschung nicht beschränkt wurde und es keinen anderen Gerichtshof für unsere Zugehörigkeit zum Judentum gibt, als den des eigenen Gewissens4. Die Orthodoxie charakterisiert er mit treffender Schärfe: ,,Daß die ,Rechtgläubigen* es mit der Religion gut meinen, wäre unrecht in Abrede zu stellen. Aber gibt es nicht genug Sachen wie Personen in der Welt, die durch ihre ungeschickten Freunde am meisten bloßgestellt werden? Das Wesen aller Rechtgläubigkeit besteht darin, daß sie einen Zeitpunkt in der Weltgeschichte willkürlich fixiert und die Auflassung dieses Zeitpunktes als bindende Norm für alle Zeiten hinstellt. Man kann auch sagen, es besteht darin, daß sie das, was seiner Natur nach immer ein Werdendes ist, als ein Seiendes auffaßt. Die Willkür aber, von der wir reden, sehen wir darin, daß sie keineswegs die 1 Gedenkblätter zur Erinnerung* an Manuel Joel, Seite 37 f. 3 Predigten aus dem Nachlaß I, Seite 127 f. 3 Joel, Religiös-philosophische Streitfragen,. Seite 10. 4 Zum Schutz gegen ״Trutz“, Seite 9.

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