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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 5 · p. Seite 310

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 5
Article
Rabbiner Dr. Manuel Joel zu seinem hundertjährigen Geburtstage
Date
1926-01-01
Page
Seite 310 (sequence 6)
Language
German
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310 Redensarten. Nicht jeder ist in der glücklichen Geistes- Verfassung, die Weisheit derer zu würdigen, die, mutig das Prinzipienroß tummelnd, um so und so viel Zeilen willen auf wer weiß wie lange hinaus die Judenheit in zwei prinzipiell geschiedene Lager teilen wollen/‘1 Auf der Rabbinerversammlung zu Breslau im Jahre 1887, auf der Höhe seines Lebens stehend, sprach er in der ihm eigenen milden und doch so eindrucksvollen Weise über den Unterschied zwischen seiner und der vorangegangenen Zeit: ,,Die ersten Rabbiner versa mm- 1 ungen vor nahezu einem halben Jahrhundert hatten etwas vor den unsrigen voraus, was das Interesse sicherte, die Liebe und den H a ß. Man begeisterte sich für ihre Vorschläge zur Veredelung des Kultus, man begeisterte sich für ihre Darlegung des Judentums in Ansprachen und Predigten, man begeisterte sich wohl auch für ihre freiere Auffassung der rituellen und zere m o n i e 11 e n Bräuche und Uebungen. Von anderer Seite sah man in ihnen Abtrünnige, Zerstörer. Das alles ist jetzt in ein ruhigeres Fahrwasser hineingekommen. Darum erwarten wir weder so viel Liebe noch so viel Haß, obwohl ich für den Haß nicht stehe, da es Menschen gibt, die ein nicht beneidenswertes Talent zum Haß auch gegen das friedlichst Gemeinte haben. Können wir nun selbst nur in bezug auf die Themata den Faden einfach da wieder auf nehmen, wo ihn die Früheren fallen gelassen hatten?.Warum wir auf die Erörterung solcher Themata verzichten? Wenn einem sein Haus abzubrennen droht, so ist es nicht an der Zeit, darüber zu beraten, ob er sein Sofa mit Plüsch oder mit Seide überziehen, oder ob er die Zimmer mit Eichenholz- oder Mahagonimöbeln besetzen soll; er sucht vor allem sein Haus zu retten. Ich sage nun nicht, daß die Religion Israels in Gefahr ist, zu verbrennen; die Religion Israels ist selbst ein Feuer, das nicht erlöschen wird durch alle Zeiten. Aber wenn auch die Religion nicht erlischt, die Religiosität kann erlöschen/‘2 Und bei der Totenfeier für Abraham Geiger, in der Neuen Synagoge zu Breslau, führt er aus: ״Die Zeiten verändern sich nicht willkürlich, sondern naturnotwendig. So schön der Frühling ist, sein Wesen ist nicht, die reife Sommerfrucht zu zeitigen. Auf die Zeit des Werdens muß doch einmal folgen die Zeit des relativen Gewordenseins. Ist es denn ein Kleines, daß heute über Vieles gar nicht gesprochen wird, worüber einst erbitterte Kämpfe sind geführt worden? Daß die neue Zeit auch manches zu Ehren gebracht hat, was damals in der berechtigten Hitze des Streites mit unter die Unbrauchbarkeiten geworfen wurde, ist so wenig merkwürdig, daß das Gegenteil das Merkwürdigere wäre. Tragen wir nur die Sorge, daß die Gegenwart in ihrer Auffassung des Judentums sich so wenig verflacht wie verroht, so können wir jede andere Sorge in der Beziehung demjenigen überlassen, der die Menschen leitet.“3 1 A. a. O., Seite 30. — Auf den oben entwickelten Grundsätzen beruht vor allem das Joel’sche Gebetbuch. 2 Bericht über die Tätigkeit des Rabbinerverbandes 1887, Seite 9 und 10. 3 Predigten aus dem Nachlaß von Dr. M. Joel, Seite 292 f.

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