Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Rabbiner Dr. Manuel Joel zu seinem hundertjährigen Geburtstage
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 309 (sequence 5)
- Language
- German
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309 in seine Vaterstadt Frankfurt zurückzukehren, ricincten sich die Augen aller maßgebenden Persönlichkeiten auf Joel als den einzigen ernstlich in Betracht kommenden Nachfolger Geigers. So wurde Joel einstimmig zum Rabbiner in Breslau erwählt, wo er am 1. Januar 1864 sein neues Amt antrat. Mit diesem bedeutsamen Wendepunkt in seinem Leben beginnt eine nach seinem Namen zu benennende neue Richtung in der religiösen Strömung des deutschen Judentums, die einerseits vom jüdischtheologischen Seminar, andererseits von der religiösen Persönlichkeit Joels, die von Michael Sachs beeinflußt war, ihren Ausgang nahm. Das war ja der ausschlaggebende letzte Grund, Avarum Geiger nach Frankfurt ging, daß nicht e r, wie er zu erwarten sich berechtigt glaubte, und mit ihm seine religiöse Richtung, sondern, mit der Berufung Frankels, eine neue Richtung des Ausgleichs und der Vermittlung zwischen den religiösen Parteien zum Siege gelangte1. Der Exponent und Wegweiser, der in der Praxis des Rabbineramts stehende Träger, und führende Meister dieser Richtung ist Joel. Hierin liegt seine eigentliche geschichtliche Bedeutung. Diese neue Richtung bedeutet den Verzicht auf eine einseitige Radikalisierung des Judentums. Weit entfernt von Müdigkeit und Skepsis, wird sie sich der historischen Mächte der Menschheitsgeschichte wieder beAvußt und erlebt, halb bewußt, halb intuitiv, das Irrationale aller Religion. Anstatt Doktrinen und Theorien, die immer radikal, immer intransigent sind, nachzustreben, stellt sie sich auf den Boden der Sachlichkeit und erkennt, daß da, avo einseitig gerichtete Geister nur einfache Wahrheiten sehen, in Wirklichkeit immer Probleme vorliegen. Das Unbedingte, von rechts Avie von links, ist immer nur in der Idee wahr. Wer auf dem Boden der Realität steht, wird immer Kompromisse schließen müssen. Solch vertieftes Wissen um die Probleme der Religion liegt der Joelschen neuen Richtung zugrunde. Und so äußert er sich in programmatischer Weise zu dieser Frage in den bedeutsamen Worten: ,,Indem wir somit auf die Notwendigkeit der Vermittelung kommen, stellt sich wiederum heraus, Avie wenig ein Wort die Sache deckt, und Avie leicht man mit demselben Worte ein ganz Verschiedenes bezeichnen könne. Die Notwendigkeit eines Kompromisses (in der Kultusfrage) ist so evident, daß es einen eigentlich wissenschaftlichen Vertreter der Ansicht, nach welcher überhaupt gar nicht vermittelt werden soll, nicht gibt. Wer Avill auch hach den Erfahrungen der letzten dreißig Jahre es rechtfertigen, entweder so weit vorzugehen, bis er das Gros der Judenheit aus dem Gesichte verliert, oder so Aveit zurückzubleiben, bis die gebildeten Juden ihn nicht mehr verstehen? Dazu kommt, daß die ursprünglich gerechtfertigte oder wenigstens erklärliche Leidenschaftlichkeit und Erbitterung gegen manche Mißbräuche allmählich auch einer ruhigen Würdigung des vielen Tiefen und Bedeutenden in dem Ueberkommenen Platz gemacht hat.“2 Und an einer anderen Stelle: ,,Nur spreche man nicht von Halbheit, fechte überhaupt nicht mit 1 Siehe Abraham Geiger, Leben und Löbens werk, Seite 169 und 124 ff. Zur Orientierung in der Kultusfräge, Seite 14 f.