Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden in der englischen Literatur [Rezension]
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 298 (sequence 2)
- Language
- German
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298 (S. 41—96). Dann wird die Frage beantwortet, wie der Jude in all diesen Werken dargestellt ist nach Physiognomie, Kleidung, Sprache, Charakter, Haus, Familie, Freundschaft, Philanthropie, Religion und Beschäftigung (S. 97 136—׳). Die Ergebnisse der Untersuchung werden auf ihre wahrscheinliche Uebereinstimmung mit der Wirklichkeit geprüft. Auch den Gründen, warum der ״Jude‘• auf dem Theater eine dankbare Rolle sein mußte, wird sorgfältig nachgegangen (S. 137—166). ״Er hatte den Herrn gekreuzigt. Liebet den Herrn, haßt den Juden. So war es, wo immer das Christentum’ eingeführt wurde, selbst wenn die eben bekehrten Heiden nie vorher einen Juden gesehen oder von ihm gehört hatten. Nicht etwa, daß die Prediger des Evangeliums notwendigerweise diesen Haß als unvermeidlich forderten, sicherlich nicht, aber es ist gegen alle menschliche Natur, daß ein gewöhnliches Geschöpf den grausamen Mörder seines liebsten Freundes lieben sollte, nun gar den Mörder seines Gottes“ (S. 163). Der Jude ist also z. T. mit Absicht aus Intoleranz und Fanatismus, z. T. bona fide, weil die Schriftsteller es nicht besser wußten, nicht richtig dargestellt worden. Wo es sich um Verfolgung handelt, ist man korrekt, wenn auch seine Leiden nur beiläufig zur Sprache kommen. Zu beachten ist dabei, daß alle diese — oft gewiß künstlerisch wertvollen — Bilder von Juden von christlichen Autoren stammen, die von Rassenhaß, Fanatismus und Vorurteil geleitet waren oder doch der Stimmung ihrer Zuhörer oder Leser entgegenkamen. Diese Bilder, hofft der Verfasser, werden einst durch die Schönheit der Liebe, durch Einsicht und Gerechtigkeit sich zauberhaft wandeln, wenn die Juden wieder ein eigenes Land, eine eigene Zivilisation und eine eigene Literatur haben werden. Wir denken, daß auch ohne diese Vorbedingung die messianische Hoffnung von der Liebe aller zu allen sich erfüllen kann, wenn jeder, wo auch immer es sei, seiner Eigenart entsprechend schafft und wirkt. Die eingehenden und in jeder Hinsicht interessanten, in der Anordnung des Stoffes neuartigen Darlegungen Michelsons bilden eine sehr dankenswerte Ergänzung des Buches von Cardozo, The Contemporary Jew in the Elizabethan Drama, das in gleichem Verlage im vorigen Jahre erschienen ist. Beide Bücher zeichnen sich durch vortreffliche äußere Ausstattung und gewissenhafte Quellenangabe aus. 2. J. I. Cardozo, The Contemporary Jew in the Elizabethan Drama, H. J« Paris, Amsterdam 1925. Cardozo gibt in den ersten beiden Kapiteln seiner umfangreichen Studie (335 pp.) einen Ueberblick über die bisherigen Behandlungen der Frage, ob Juden in England zwischen 1290 und 1656 lebten. Sowohl die Forschungen von Lucien Wolff wie die von Sidney Lee kommen zu dem Ergebnis, daß gesetzlich ein nicht getaufter Jude in besagter Periode in England nicht wohnen konnte, daß mit jüdischen Aerzten dort wie auch anderswo Ausnahmen gemacht werden, daß Marane und andere Geheimjüden gelegentlich in London und anderen.Städten sich finden; auch konnte ein Jude eine Weile in Verkleidung oder inkognito festen Fuß fassen. Im übrigen aber war es unmöglich. Trotzdem behaupten beide, daß echte Juden den Dramatikern als Vorbilder gedient haben. Cardozo will die Frage untersuchen besonders mit Rücksicht darauf, inwieweit der Jude der Elisabethanischen Zeit die Aufmerksamkeit der Theaterdichter und des Publikums auf sich zog, ob die Dichter am Original ihre Studien gemacht haben mußten, in England oder außerhalb, ob die Juden als fremdes Element auf der Bühne erscheinen, das nur vorübergehend in England ist, oder nur dann, wenn der Schauplatz außerhalb Englands liegt und schließlich, oh in dieser Beziehung ein Unterschied besteht zwischen Dichtungen mit realistischer Wirkung und reiner Phantasiedichtung. Während Lee besonders in Marlowes Jew of Malta und Shakespeares Shylock ״detailed . Jewish characteristics“ finden will, kommt Cardozo durchaus zu entgegengesetztem Ergebnis. In eingehender Untersuchung zeigt Cardozo zunächst, daß dieselben Belegstellen, die Lee-Wolff für ihre Beweisführung benützen, gerade das Gegenteil ergeben. Sehr sorgfältig weist er z. B. nach, daß überall da, wo ״ Juden“ als Bezeichnung für ״Wucherer“ oder ,,Pfandleiher“ gebraucht wird, es sich .nicht tatsächlich um Juden handelt, sondern das Wort ״Jude“ etwa so angewandt wird, wie man es auch bei uns volkstümlich für ״Althändler“