Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden in der englischen Literatur [Rezension]
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 297 (sequence 1)
- Language
- German
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297 Allerdings gab es auch.schon damals Juden, die eine Art Monopol hatten und es mit großer Rücksichtslosigkeit ausübten. Jacobson in Memel drohte z. B., wenn ihm die Regierung Beschränkungen auferlegte, würde er sein Geschäft nach Kurland verlegen. Und welche bedeutende Stellung in Berlin der Juwelier Liebmann und dann in noch stärkerem Maße seine Witwe einnahmen, weiß jeder, der sich auch nur oberflächlich mit preußischer Geschichte befaßt. Die Einigkeit unter den Juden ließ viel zu wünschen übrig. Religiöse und Handelsinteressen waren dabei im Spiel. Wiederholt haben die Juden selbst die Obrigkeit gebeten, neuen Glaubensgenossen den Eintritt ln das Land zu verbieten. Durch ihre unablässigen Streitigkeiten haben die Juden den ohnehin schon starken Einfluß der Landesfürsten auf ihre Gemeinden noch vermehrt. Fräulein Stern schreibt: ״Es bildeten sich Cliquen und Schichten, die sich in Wort und Schrift, in blutigen Raufereien befehdeten, die bis zum Throne selbst ihre häßlichen Prozesse schleppten“. Auf die Zänkereien der Juden geht es zurück, wenn ihnen die freie Wahl ihrer Aeltesten entzogen wurde. Als Frau Liebmann verlangte, ihre Synagoge sollte die einzige in Berlin sein, kam es zu einem förmlichen Aufruhr. Der kronprinzliche Faktor und sein Anhang beteuerten, daß sie lieber alles Unglück, ja den Tod über sich ergehen lassen würden, als daß die Liebmannische die allgemeine und alleinige Schule sein sollte. Der König erlaubte darauf, daß ,zwei Synagogen in Berlin bestehen durften. Ueberhaupt sind der große Kurfürst und sein Nachfolger den Juden gegenüber entgegenkommender gewesen als die Landesregierungen, Aber auch ihnen gelang es nicht, die Zwistigkeiten zu dämpfen. Börne hat einmal gesagt, eine Besprechung, die nur lobe, tauge nichts. Um daher nicht diesem Verdikte zu unterliegen, will ich zum Schluß noch einige kleine Versehen anmerken. Kann man wirklich behaupten, daß die preußischen Oberräte unter Friedrich I. ,,fast noch unumschränkt“ regierten? Daß Westfalen im siebzehnten Jahrhundert schon kulturell höher stand als die weiter östlich gelegenen brandenburgischen Provinzen, wird nicht nur von Voltaire, sondern auch von besseren Kennern bestritten. Daß Conring der Ratgeber des großen Kurfürsten gewesen, ist wenigstens in dieser allgemeinen Behauptung sicher unrichtig. Vielleicht hätte Fräulein Stern auch gut getan, wenn sie einige Ausdrücke erläutert hätte. Nicht jeder wird wissen, was ein ,,Püngel“ ist. Was ein ,,Schmuckler“ ist, habe.ich in meinen Wörterbüchern nicht finden können; es muß eine Art von Litzenmacher gewesen sein. Von den Druckfehlern will ich nur einen nennen, das Wort ״Biodirer“. Gemeint, ist wohl Brodeur. Aber was wollen diese und anderen Kleinigkeiten besagen. Es gibt wohl kaum ein Werk, wo man nicht auf Aehnliches träfe. Ich wiederhole zum Schluß noch einmal, daß Fräulein Sterns Arbeit sehr gut ist. Otto Krauske. Die Juden in der englischen Literatur. 1• ®he Jew in Early En gl i sh Llterature by Dr. H. Miehelson, Amsterdam, H. J«, Paris 1926. Der Verfasser hot sich die Aufgabe gestellt, den Juden in der älteren englischen Literatur bis Shakespeare zu zeichnen und die Ergebnisse mit der Geschichte zu vergleichen. Er will dabei darlegen, daß für die eigenartige Psychologie des Juden in der Literatur nur das Neue Testament verantwortlich ist. Die literarischen Schöpfungen sahen natürlich dem Juden äußerlich ähnlich und hatten auch einige wirklich jüdische Züge. Aber diese Züge sind nur von untergeordneter Bedeutung in der von Vorurteil und Aeußerlichkeiten geschaffenen Seele. Wenn nun auch der Jude karikiert, falsch und unhistorisch dargestellt wiru, so ist damit nicht gesagt, daß das Bild immer unkünstlerisch ist. Nach einem Ueberblick über die Geschichte der Juden bei den Angel״ Sachsen und Normannen in England, ihre wirtschaftliche Stellung, ihr Ver״ hältnis zur Geistlichkeit bis zur Vertreibung im Jahre 1290, geht der Verf.. zunächst die gesamte Literatur durch von der angelsächsischen Prosa und Poesie an bis zum 17. Jahrhundert: überall kommen Juden vor, in den Balladen wie auf allen Entwicklungsstufen des englischen Dramas, in den Mysterien,, den Mirakeln und Moralitäten, bei Langland, bei Gbaucer, bei Gower usw.