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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 4 · p. Seite 299

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 4
Article
Die Juden in der englischen Literatur [Rezension]
Date
1926-01-01
Page
Seite 299 (sequence 3)
Language
German
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299 •etwa hört. Wo Juden in Dramen Vorkommen, handelt es sich häufig um Schauplätze außerhalb Englands, wo tatsächlich Juden lebten, was Männern won der Gelehrsamkeit eines 'Marlowe natürlich wohlbekannt war. In anderen ]Fällen, wie z. B. bei Fletcher in The Custom of the Country (1620) liegt eine ausländische Quelle vor, Cervantes, der naturgemäß ein Vorurteil gegen Juden hatte (S. 177), das Fletcher mangels besserer Erfahrung nicht korrigieren konnte. Dagegen hat Cibber (1671—1757), der dasselbe Stück umarbeitete, um die Mitte des 18. Jahrhunderts den Juden eliminiert, weil die vielen italienischen und portugiesischen Juden seiner Zeit nicht in Dramen dieses Stils hineinpaßten. Jüdische Namen sind nach Gardozo kein Zeichen für jüdische Charaktere. Auch sind die Träger jüdischer Namen nicht immer Juden. Barabas in Marlowes ,,Jude von Malta“ ist derWortführer für Marl öwes Ausfälle gegen seine christlichen Glaubensgenossen, er hat aber weder die Sprache, noch die Haltung, noch die Seele eines Juden. Eingehend prüft Gardozo alles, was bisher über den Namen Shylock gesagt worden ist (Kap. VI); er kommt zu dem Ergebnis, daß die Namen Shylock, Jessica, Tubal,׳Chus dem hebräischen Text Genesis X und XI entnommen sind. Die Uebereinstimmung von Shylock mit dem hebräischen שלח wird durchaus überzeugend dargetan (S. 222 ff.). Die letzten drei Kapitel sind der Fabel des Merchant of Venice gewidmet, die in allen ihren Phasen sowohl in bezug auf die ,,Pfund Fleischgeschichte“, wie auch für die ״drei Kästchen-Erzählung“ verfolgt wird. ,,Aber“, so schließt G. seine Betrachtung (S. 327), je besser ein Kunstwerk durchorganisiert ist, um so verheerender für seine innere Wahrheit werden die Spuren einer primitiven Erzählung, deren Modernisierung es sein will. Es ist aber unmöglich, eine Legende zu modernisieren. Die jüdische Seele und den jüdischen Charakter muß man anderswo studieren“ (S. 328). Man sollte das Shylock-Drama als romantisches Drama, als bloße Phan t as ie dich tun g lesen. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen faßt C. folgendermaßen zusammen: ״Zwischen der Vertreibung der Juden aus England (1290) und der Wiederansiedlung der (spanischen) Juden zu Cromwe 11s Zeit und zur Zeit Karls II. liegt eine Leere von dreieinhalb Jahrhunderten. In der Elisabethanischen Zeit und unter den ersten Stuarts lebt kein ungetaufter Jude in England. Nichtsdestoweniger zog der Jude die Aufmerksamkeit von Engländern auf sich: Englische Kaufleute und Abenteurer kamen mit Juden in den Mittelmeer־ ländern in Berührung; nach 1600 auch in den Niederlanden. Denen aber, die zu Hause blieben, auch den Theaterdichtern, war der Jude etwas Exotisches, ein Begriff, der durch die Bibel, die alte Geschichte (Josephus), Predigten und Gerüchte bekannt war. Es besteht gar keine Beziehung zwischen der Vertrautheit mit dem Wort ,,Jude“ in der Literatur der Zeit und der an- .;geblichen Anwesenheit wirklicher Juden in England. Der. übliche Gebrauch des Wortes ,,Jude“ für Wucherer, Pfandleiher, Puritaner oder ausländischen Dissenter, war notwendigerweise bildlich und fast unbeschränkt, weil bei dem Fehlen wirklicher Juden solch metaphorischer Gebrauch zu Mißverständnissen nicht führen konnte.... Die größten Judenromane sind nicht die realistischsten .-in der Zeichnung des Juden, wie er wirklich war: Barabas und Shylock können nicht für die Nation stehen. Was den ,,Kaufmann von Venedig“ anlangt, so ist daran die mythische und symbolische Natur der Originalerzählung schuld und das Durcheinander von Perioden und Zivilisationen, eine Folge der Modernisierung, in deren Verlauf ein mittelalterlicher italienischer Jude an die Stelle eines Charakters trat, der kaum über das Mittelalter hinaus haltbar war: {heidnischer) Sklave oder Teufel. Der Gegenstand des ״Kaufmanns“ ist nicht entschieden auf den Orient und die Juden bezogen; er könnte mit größerer Wahrscheinlichkeit aus dem westlichen Europa in heidnischer Zeit stammen.“ Der Wert der vorliegenden Studie wird durch die beigegebene Biblio-;graphie am Schlüsse und die vielen Hinweise in den Anmerkungen noch erhöht. .Auch das ausführliche Inhaltsverzeichnis wird dem Leser die Nachprüfung ־‘wesentlich erleichtern. Berlin. Josua Friedlaender.

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