Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Passivbildung des Grundstammes im Semitischen
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 259 (sequence 10)
- Language
- German
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259 Perfecti Passivi, dem nach Bauer - Leander143 das אהוב geliebt gleichkommt, ,,von Haus aus ebensowohl in aktiven, wie Wpassiven Sinn gebraucht werden“; homo cenatus, ein Mann, der zu Mittag gespeist hat, dagegen miles vulneratus ein verwundeter Soldat, ursprünglich aber: ein mit Merkmalen der Verwundung behafteter Soldat144, ignotus nicht wissend und unbekannt. . Da nun, wie ich annehme, diese Bildung in letzterer Bedeutung häufiger und demzufolge usuell wurde, konnte sie auch im paraphrastisehen Passivum angewandt werden: amatus sum, amatus eram etc, Lehrreich ist in dieser Beziehung das Hochdeutsche. Auch hier ist das Passivum überhaupt lediglich eine Umschreibung und gehört nicht zur Verbalflexion. Während im Gothischen dieses Partizip Prät. ,,bloß zur Vertretung passiver Formen gebraucht, ist es im Hochdeutschen das einzige Mittel das Passiv auszudrücken“145. ״Ich wurde geschlagen“ bedeutet demnach ursprünglich: ״ich wurde ein geschlagener146“. In früherer Zeit mußte noch diese Partizipialbildung als ursprüngliches Zustandsadjektiv in seiner eigentlichen Bedeutung gefühlt werden, da nur so die Verwendung derselben auch in der Aktivkonjugation begreiflich wird: — ״Ich habe geschlagen“ ״ich habe einen als Geschlagenen“147. Während aber das Hochdeutsche mittels des Hilfszeitwortes ״werden“ den Begriff der Passivität eindeutig und genau umschreibt, ist in der englischen Passivkonstruktion die ursprüngliche z u s t ä n dliehe Bedeutung noch offenbar: — I am loved, I was loved etc. ick bin Geliebter, ich war Geliebter u. s. w. 148 Während nun von allen semitischen Sprachen eigentlich nur das Arabische dieses Mittel zu ähnlichem Zweck bloß zum Teil angewandt hat, ist es in den indogermanischen Sprachen systematisch ausgebildet worden. Allein wo man im Semitischen diese Bildung noch in ihrer ursprünglichen Bedeutung vor sich hat, muß man sie als solche beurteilen. C. Es geht nun aus meinen Darlegungen hervor, daß sowohl das Nordsemitische — abgesehen vom Hebräischen und vielleicht auch vom Phönizischen — als auch das Südsemitische — ausgenommen das klassische Arabisch — überhaupt keine inneren Passivformen aufgewiesen haben. Die reflexiven, sowie die intransitiven Stämme wurden in ihnen ähnlich wie die Medialform in den indogermanischen Sprachen von vornherein auch als Passiva angewandt. Hier wie dort nämlich eignete sich dieses Verbalgenus hierfür seiner inneren Bedeutung nach am besten. Bezeichnete es doch, daß ״das Subjekt 143 Hist. Grammatik § 36 1». 144 Historische Formenlehre des Lateinischen von Dr. A. Ernout, deutsch von H. Meitzer (Heidelberg 1915) S. 174 f.; s. auch F. Sommer, Handbuch der lateinischen Laut- und Formenlehre (Heidelberg 1902) § 388. 146 Wunderlich, Der deutsche Satzbau2 I, S. 111; s. auch F. Cuny, Der temporale Wert der pass. Umschreibungen im Althochdeutsch (Diss. Bonn; 1905) S. 3. 140 Willmanns, Deutsche Grammatik 3 Abt. I Hälfte I34f. 147 Vgl. Willmanns ib. 144 und Behaghel in Zeitschrift für deutsche Philologie 32 (1900) 71. 148 Ebenso verhält es sich bekanntlich im Französischen. 17*