Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Passivbildung des Grundstammes im Semitischen
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 256 (sequence 7)
- Language
- German
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256 Behauptung, daß diese Bildung, ein Geschöpf der Schriftsprache, im alltäglichen Leben vorher wie nachher nicht zur Geltung gelangt ist. In der Schriftsprache dagegen werden beide Bildungsarten — sowohl die medialen, die reflexiven und teilweise auch die intransitiven Stämme als auch das innere Passiv — promiscue gebraucht. Wohl liegt der Keim zur Herausbildung des inneren Passivs im Wesen des Semitischen, aber damit ist noch nicht die Notwendigkeit seiner allgemeinen *Ausbreitung in sämtlichen Sprachen gegeben. Demnach kann man schwer mit Nöldeke annehmen, daß aramaisch נלי, נלי arabisch entspricht, vollends nicht, daß der syrische Infinitiv גונבא (neben גמבא das Stehlen, vgl. syrisch buchrä, akk. bukru erstgeboren) dem hebräischen Infinitiv Passiv גנב das Gestohlenwerden entspricht und somit auf ein auch im aramäischen Sprachgebiet früher vorhandenes inneres Passiv zu schließen gestattet wäre129. Wenn auch im Hebräischen neben dem inneren Passiv des Kal das Nif al in dieser Bedeutung gebraucht wird, so läßt dies ebenfalls darauf schließen, daß diese Bildung hier nicht von vornherein zur vollen Entwicklung gelangt ist. Indessen läßt vielleicht sein Einfluß auf die Sprache der Tell-el-Amarna-Briefe — ju-sa-ru (vergl. hebräisch יוצר) es wurde getan, ju-da-an (hebräisch JJW) es ist gegeben—auf sein Vorhandensein auch in irgend einer anderen Tochtersprache des Kananäischen schließen130. Sodann wären etwa die in den phönizischen Inschriften vorkommenden, nach CIS Pars prima, Tomus I zitierten ♦ ♦ ♦ אש(י) לקח מ (vgl. ממנת לקחת Gen 319), 86 b 7, 166 לקחת A 5 —beide Mal in passiver Bedeutung —als innere Passivformen anzusehen131. Es ist wohl anzunehmen, daß auch im Hebräischen das innere Passiv des Grandstammes ursprünglich aus dem intransitiven i־Perfekt hervorgegangen ist. Nur läßt sich dies hier schwer nachweisen, da die meisten i״Perfekte zu a-Perfekten geworden sind, so z. B. nach der tiberischen Ueberlieferung 7) לבש Mal und nur einmal לבש), Häufiger ist noch dieser Zusammenfall in der bab. Ueberlieferung wahrzunehmen, wie z. B. בש ־־) יבש;), pt (־־ pt), 132(הפץ =) חפץ. Als Unterschied des indogermanischen Passivs von diesem semitischen ließe sich im Sinne Reckendorfs folgendes feststellen: Während in jenem es lediglich auf das Erleiden der Tätigkeit, auf Erfahren der Einwirkung von außen her ankommt, kommt es im Semitischen auf die ״Tätigkeit des Leidens“133 und auf die Beschaffenheit desselben an, weshalb auch der Urheber der Einwirkung hier nicht berücksichtigt wird. So wird denn auch das Passiv von der 129 Mandäische Grammatik § 123 Anmerkung, s. auch Nöldeke* ZDMG 31 (1877) 769f. und vgl. Sachau, ZDMG 37 (1883) 564 ff. 130 Ebeling, Das Verbum der El-Amarna-Briefe in BS VIII 2. Heft § 7 und Franz M. Th. Böhl, Die Sprache der Amarnabriefe (Diss., Leipzig 1909) §30. 181 S. auch Lizbarski, Handbuch, S. 304. 132 Kahle, Massoreten des Ostens 183f. und Der massoretische Text 52. 133 Reckendorf, Die syntaktischen Verhältnisse § 25.