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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 4 · p. Seite 235

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 4
Article
Besitzt das überlieferte Judentum Dogmen?
Date
1926-01-01
Page
Seite 235 (sequence 11)
Language
German
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235 Kirche1 gegeben, und es trifft daher ein Entscheidendes, wenn Harnack hervorhebt: ״Das Dogma ist in seiner Conception und in seinem Ausbau ein Werk des griechischen Geistes auf dem Boden des Evangeliums“2 — nur sollte statt von dem Evangelium genauer von den neutestamentlich-paulinischen Gedanken gesprochen werden. So ist historisch dasDogma etwas spezifisch Christlich-Kirchliches. Aber nicht nur historisch, sondern wesentlich. Das Dogma gehört der Kirche als solcher zu, und so wird die Frage, ob das Judentum Dogmen besitze, zu der andern Frage, ob ihm der kirchliche Charakter zukomme. Es ist das Eigentümliche der Kirche, als der göttlichen Institution der Heils Vermittelung, daß sie, aber nicht der Einzelne in ihr, das eigentliche Subjekt des Glaubens ist. Die Kirche glaubt, und die Einzelnen glauben diesen Glauben der Kirche; sie glauben, wie jener *oben angeführte Satz sagt, fide catholica, sie glauben, weil es der Glaube der Kirche ist3. Weil so die Kirche allen, die in ihr sind, den Glauben bestimmt, muß sie das Dogma, diesen autoritativen, unverbrüchlichen Ausdruck des Glaubens aller, dieses quodubique, quod semper, quod ab Omnibus feststellen. Es gibt keine wahre Kirche ohne Dogmen. Und die Tradition, die von ihr verbürgt ist und von der sie selber verbürgt wird, ist darum Tradition der Dogmen, Tradition des rechten Glaubens; nur was Dogma ist oder, als latent, Dogma werden kann, ist wahre Ueberlieferung 4. Das Judentum hat nie eine Kirche gebildet, es hat seinem Wesen nach die Gemeinde gestaltet. In der Kirche steht die glaubende Kirche, begrifflich, am Anfang, in der Gemeinde der Glaube des Einzelnen. Jeder Einzelne ist hier, in dem Recht und mit der Pflicht, der Träger des Glaubens. Und darum ist hier auch der Einzelne, nicht eine Kirche, Träger der Tradition, und diese ist darum hier auch nicht eine bloße Ueberlieferung von Sätzen, sondern sie schließt die Forderung des Forschens in sich; dem Besitzen geht hier das Suchen voran. Dieses Gebot des Forschens ist der Widerspruch gegen das Dogma. Dem tradierten Dogma gegenüber würde das Forschen im jüdischen Sinne zur Sünde gegen die Kirche. Wenn so die Kirche das Dogma hat, so liegt der Grund noch tiefer. Er liegt darin, daß die Kirche, als Hüterin des Sakraments, die Bewahrerin der Erlösung ist. Wo die Erlösung, die vom Sakrament bedingt ist, verheißen wird, wo so durch den Besitz der Sakramente das Heil gewährt sein soll, dort ist das Dogma ein Unentbehrliches; denn dort muß, was das Sakrament bedeutet, in bestimmter begrifflicher Darbietung vor den Gläubigen hingeführt werden. Ein kirchliches Sakrament kann nicht ohne ein Dogma dargestellt sein. Dieses Heil verlangt das Wissen vom Heil; jede Erlösungsreligion 1 Ueber die dogmatische Eigenart des Islam, besonders das Prinzip des idschmä‘, s. Goldziher in Kultur der Gegenwart I, 3, 1, S. 105 ff. und 109 ff. 2 Harnack, Lehrbuch der Dogmengeschichte I4, 20. 3 Vergl. L. Baeck, Romantische Religion, S. 26. 4 Vergl. Baur, Gesch. der christl. Kirche, II2, S. 217: ,,Tradition und Kirche sind somit, wenn man nach dem Prinzip der dogmatischen Wahrheit fragt, identische Begriffe; was von dem einen dieser Begriffe gilt, gilt auch auch von dem andern.“

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