Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Besitzt das überlieferte Judentum Dogmen?
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 234 (sequence 10)
- Language
- German
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234 zusammenzuhalten, wie mit dem in der Mischna, der in noch schärferer Form das Leben denen abspricht, die ,,über das, was droben und was drunten ist, was vordem gewesen und was einst sein wird, spekulieren und so ohne Ehrfurcht sind gegenüber der Glorie Gottes"‘1. Der Vergleich schon zeigt, daß es sich hier nicht um ״vom Synhedrium festgelegte Bestimmungen"" und nicht um Dogmen handelt, sondern nur um den Ausdruck der Verdammung von Lehren, Richtungen und Bräuchen, die man damals für verwerflich hielt. Jedoch wohl noch charakteristischer ist ein anderer Satz, den die Gemara überliefert. Er bietet in der Tat einen, von einer spruchbefugten Autorität durch besonderen Beschluß festgelegten Glaubensartikel; auf ihn hätten sich die Anhänger der Dogmenlehre vor allem berufen sollen, und es ist befremdlich, daß sie ihn immer mit Stillschweigen übergehen. Es ist der Satz, der den Pessimismus zur Glaubenslehre machen will: ״Man hat abgestimmt und beschlossen: Besser wäre, kein Mensch wäre geschaffen worden""2. Er erfüllt eine wesentliche Voraussetzung des Dogmas, aber gerade er zeigt freilich, daß im Judentum auch die ״Mehrheit der Religionshäupter, die eine Autorität bilden""3, noch kein Dogma schafft. Aber auch abgesehen hiervon, wie weit das Synhedrium und wie weit die Mischna in bezug auf den Glauben Bestimmungen treffen wollten, fehlt in jener Zeit ein für die Gestaltung von Dogmen Unerläßliches: die genaue Formulierung von Glaubensbegriffen. So eindringlich und bis ins Kleinste gehend sich eine Bildung von Begriffen auf dem Gebiete der Halacha auswirkte, so sehr fehlt sie auf dem der Haggada. Eine Ausprägung von Glaubenssatzungen in Begriffen hat sich in der vorderasiatisch-europäischen Welt immer nur in dem unmittelbaren Zusammenkommen der Religionen mit der griechischen Philosophie vollzogen. Daher finden wir bei Philo solche Formung von Begriffen, die gewissermaßen das Material für Dogmen bieten könnten4, aber wir haben sie nicht im palästinensischen Judentum, da hier die Beziehung zur griechischen Philosophie nur eine recht ferne und gelegentliche war. Darum finden wir sie dann wieder bei den mittelalterlichen jüdischen Denkern, und es ist so kein Zufall, daß hier die Aufstellung von Glaubensartikeln einsetzt. Aber um sie zu Dogmen werden zu lassen, dazu fehlte jetzt die Glaubensbehörde, ganz wie umgekehrt in der Zeit des Synhedriums und des konstituierten Lehrhauses, wo vielleicht eine spruchbefugte Autorität da sein konnte, die geprägten Begriffe gefehlt hatten. Beide Voraus- Setzungen, das Bestehen einer Glaubensbehörde und die Begriffsbildung, die sich auf das depositum fidei hin richtet, zusammen waren in der alten vorderasiatisch-europäischen Welt nur in der 1 Ghagiga II, 1. Der Ausdruck ל& חס על כבוד קונו ist terminus technicus für diese verbotenen Spekulationen geworden. Vergl. Ber. r. I, 7 u. Jer. Chag. 77 c. Vergl. dort auch den entsprechenden Terminus: פוגם. 2 Erubin 13 b, 3 Monatsschr. a. a. O. S. 67. 4 Vergl. auch die fünf Glaubenssätze, welche Philo am Schluß seiner Schrift de opificio mundi (§ 170 f., I, 41 f. Mg.) aufstellt.