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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 4 · p. Seite 236

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 4
Article
Besitzt das überlieferte Judentum Dogmen?
Date
1926-01-01
Page
Seite 236 (sequence 12)
Language
German
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236 verlangt die Gnosis, die Erkenntnis des Erlösungsgeheimnisses; der Irrtum wäre hier der Tod. So muß dem Gläubigen das endgültige,, das unverbrüchliche Wissen, eben das Dogma, dargereicht sein. Wie das Sakrament, so soll auch das Dogma empfangen sein.. Und dort, wo dieses Empfangen des Dogmas, als des Wortes Gottes,, wie im Protestantismus, seine besondere Bedeutung gewinnt, und. die Religion so ganz eigentlich zur Konfession wird, dort wird die Formulierung des Glaubensgutes vielleicht noch mehr ein Ent-‘ scheidendes. Das Glaubensbekenntnis tritt in den Mittelpunkt der Religion. Hier ist es nicht etwa, wie in den dreizehn Artikeln des Maimonides, die volkstümliche Zusammenfassung des Ergebnisses der Religionsphilosophie. Hier ist es vielmehr das, was real die Zugehörigkeit zur Kirche dartut, hier ist es das Mittel, in dem der Gläubige das Heil empfängt. Das Glaubensbekenntnis ist hier ein Unerläßliches, in ihm wird die Konfession ihrer selbst gewiß. Hiermit ist wohl auch der innerste Grund auf gezeigt, weshalb so manche Vertreter gerade der Reform dafür bemüht waren, dem Judentum Dogmen zuzuerkennen. Sie wollten ihr Judentum zu einer jüdischen Konfession machen, daß es als solche den Platz neben den christlichen Konfessionen habe. Und sie wollten darum ihre jüdischen Glaubensartikel formulieren, um dadurch, aber dadurch allein, ihre jüdische Konfession von den andern zu unterscheiden. Um dessentwillen haben sie ein ganz Wesentliches der Unterscheidung darangegeben, daß nämlich das Judentum keine Kirche und keine bloße Konfession ist und daher auch keine Dogmen hat. Aus seinem Sinn für das eigentümlich Jüdische heraus, den er auch sonst bewährt, hat Geiger daher im Widerspruch zu manchen, mit denen er sonst zusammenging, die jüdischen Dogmen abgelehnt. Und wie sehr Mendelssohn durch seine Lehre, daß das Judentum keine geoffenbarte Religion sei, in die Irre geführt worden ist und die, die ihm folgten, in die Irre führte, darin ist er auf dem rechten Wege gewesen, daß er es ablehnte, im Judentum eine Kirche und ihr Bekenntnis zu suchen. An den Platz, den anderwärts die Dogmatik einnimmt, ist im Judentum die Haggada — jene vermeintlich dogmatischen Sätze der Mischna sind in Wirklichkeit haggadische Sätze — und dann die Religionsphilosophie getreten. Das Forschen erstreckte sich immer auch auf die Lehre. Und es durfte so sein, denn die Prinzipien galten immer mehr als der Ausdruck. Man ertrug nicht nur nebeneinander den Rambam und den Rabed, sondern stellte sie unmittelbar zu einander; man machte ihrer beider Buch wie zu einem Buche.. Vielleicht ist es der stärkste Erweis für die innere Kraft des Judentums, daß in allem Forschen und Suchen, in allem Wandel der Zeiten, obwohl die Glaubensbehörde fehlte, die Glaubensprinzipien doch immer aufgerichtet blieben, daß man an ihnen sich immer wiedergefunden hat. Ohne die äußeren Stützen standen sie fest. Die Lehre trug in sich, ganz wie die Gemeinde des Judentums, um ein vielgenanntes Wort abzuwandeln, das starke Ferment der Komposition.

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